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Wilhelm Tell (Friedrich von Schiller):


Das Nationaldrama ,,Wilhelm Tell", das von Friedrich von Schiller in den Jahren 1803 und 1804 verfasst wurde, handelt von dem Freiheitskampf der Schweizer in den Kantonen Uri, Schwyz und Unterwalden gegen die Tyrannenherrschaft der Landvögte des Kaisers im 14. Jahrhundert.
Die Idylle am Vierwaldstätter See wird durch den atemlos herbeilaufenden Konrad Baumgarten unterbrochen. Er hat einen Burgvogt des Kaisers erschlagen, da sich dieser an seiner Frau vergehen wollte, und wird nun von den Gefolgsleuten des Landvogts verfolgt. Wilhelm Tell übernimmt selbstlos die Rettung und setzt mit Baumgarten über den See. Er wird zu Werner Stauffacher gebracht, einem wohlhabenden und angesehenen Mann, der jedoch auch der Willkür der Vögte ausgesetzt ist. Nachdem Baumgarten in Sicherheit ist, beschließt Stauffacher, sich mit Walter Fürst, dem Schwiegervater Tells, und anderen zu beraten, um für die Freiheit der Schweizer zu kämpfen. Nach der Bekanntwerdung einer neuerlichen Greueltat des Vogts fällt die Entscheidung, der Tyrannei ein Ende zu bereiten.
Der von Stauffacher und Fürst gefasste Entschluss zum Kampf für die Freiheit hat inzwischen viele Anhänger gefunden. Es kommt zu einer nächtlichen Zusammenkunft auf dem Rütli, wo Gesandte der drei Schweizer Völker über ihre Zukunft beraten. Sie berufen sich auf ihre Menschenrechte und erkennen den Kaiser als ihren höchsten Herrn an, beschließen jedoch, sich gegen die Gewaltherrschaft der Vögte aufzulehnen. Kurz vor dem Auseinandergehen besiegeln sie ihr Vorhaben in einem feierlichen Schwur.
Später findet eine Begegnung zwischen Ulrich von Rudenz und dem Landfräulein Berta von Bruneck statt, im Rahmen welcher der Edelmann dem Fräulein seine Liebe gesteht. Unter dem Einfluss Bertas fasst der vorher kaisertreue Rudenz den Entschluss, sich dem Freiheitskampf anzuschließen. Er erhält kurz darauf sogar Gelegenheit, seine Volkstreue unter Beweis zu stellen. Wilhelm Tell zusammen mit seinem Sohn hat es nämlich versäumt, einen in Altdorf auf Geßlers Anordnung auf einer Stange aufgehängten Hut feierlich zu grüßen und ist daraufhin von den Knechten des Vogts gestellt worden. Als der Landvogt von dem Verstoß erfährt, verspricht er dem Übeltäter Gnade, sofern er in der Lage sei, seinem Sohn auf 80 Schritt Entfernung einen Apfel vom Kopf zu schießen. Tell vollzieht erfolgreich den Schuss, wird jedoch trotzdem von Geßler verhaftet, da dieser Tells Rache fürchtet. Auf dem Weg zum Kerker kann der Meisterschütze jedoch entkommen.

Im Sterbebett erfährt der alte Bannerherr Attinghausen von Tells Gefangennahme und dem Bund des Schweizer Volkes. Er ermahnt die Eidgenossen zur Einigkeit und scheidet dahin. Sein kurz danach eintreffender Neffe Rudenz drängt auf einen raschen Beginn der Erhebung, zumal der Landvogt nun auch sein angebetetes Landfräulein Berta von Bruneck entführt hat.
Derweil lauert Tell dem Landvogt auf, um ihn zu töten, mit der Begründung, dass derjenige, der schon auf das eigene Kind ziele, auch den Feind töten könne. Als Geßler eintrifft und eine ihn anflehende Frau bedroht, trifft ihn Tells Pfeil. Niemand von den Umstehenden verfolgt den Schützen, noch wird dem Landvogt geholfen, so dass er letztendlich stirbt. Die Landleute fallen sich in die Arme und Jubeln über die neugewonnene Freiheit.
Der Tod gibt den Anstoß zu einer landesweiten Erhebung. Dennoch fürchten sich die Schweizer vor der Rache ihres Kaisers. Jedoch kommt kurz darauf die Nachricht von der Ermordung desselben, durchgeführt von seinem eigenen Neffen Johannes. Dieser hofft, bei Tell Verständnis für die Tat zu finden, wird jedoch zurückgewiesen, da er nicht aus Notwehr, sondern aus Eigennutz gehandelt habe. Dennoch verrät der Schweizer Johannes nicht. Vor Tells Haus versammeln sich die Landleute, um ihn als Befreier der Schweiz zu feiern. Rudenz und Berta geben sich das Jawort, und der Neffe Attinghausens erklärt alle seine Knechte zu freien Bürgern.

Der ,,Rütli-Schwur" als Ausdruck der Vorstellung Schillers von einer gewaltlosen Revolution
Der Rütli-Schwur (959 - 1465) spielt in Schillers Drama neben der Apfelschuss-Szene und der Ermordung des Landvogts eine gewichtige Rolle. In ihr werden zum einen die Grundsteine für die weitere Handlungsentwicklung gelegt; ihr kommt nach der Theorie des Klassischen Dramas der Part des erregenden Momentes zu, welches unweigerlich zur Peripetie und damit zum Umschwung der Handlung zur Katastrophe oder Lösung führt. Des weiteren drückt Schiller durch die Schwurszene persönliche Erfahrungen mit der Französischen Revolution aus.
Zunächst ist aber bemerkenswert, dass die Hauptfigur des Dramas, Wilhelm Tell, nicht in der wichtigen Rütli-Szene auftritt, sondern erst später von der Verschwörung erfährt und sie unterstützt. Tell erscheint im gesamten Drama eher als Einzelkämpfer, der sich der Gemeinschaft nur ungern einzufügen scheint. Im Gegensatz hierzu steht Werner Stauffacher als Anführer der Vereinigung allen Schweizern gleichermaßen aufgeschlossen gegenüber und ist an allen Teilen der Verschwörung beteiligt. Es zeigt sich, dass Tell nicht als notwendiger Faktor für das Aufbäumen der Schweizer agiert; vielmehr hilft er ihnen nur, durch den Tyrannenmord einen entscheidenden Schritt voranzukommen, wobei er aber eher aus persönlichen Motiven handelt als aus Sympathie zu den Landleuten (vgl. 2576f.).
Im Verlauf des Dramas wird die Bedeutung des Rütli-Treffens sichtbar: Da zwischen der Beschlussfassung im Hause Walter Fürsts und dem Schwur eine gewisse Zeit vergangen zu sein scheint, erfährt der Leser durch das aufeinanderfolgende Auftreten verschiedener Gruppen aus den Schweizer Landen die Geschehnisse der Zwischenzeit: Die Kunde von dem Bund der Schweizer gegen die Herrschaft der Vögte hat sich durch das ganze Land verbreitet, und die gesamte Bevölkerung stimmt mit ein. Letztendlich ermöglichen auch nur diese Anstrengungen überhaupt den Tyrannenmord, da durch das Eingreifen der Landsleute Tell weder festgenommen noch dem Landvogt geholfen wird.
Auch persönliche Erfahrungen mit Widerständen des Volkes gegen ein Regime hat Friedrich von Schiller im ,,Tell" verarbeitet. Wie schon erwähnt, begrüßte Schiller zunächst die französische Revolutionsbewegung mit ihrem Motto ,,Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". Doch sehr schnell wandte er sich gegen die blutigen Eskalationen im Jahre 1789 in Frankreich. Mit der Gefangennahme Ludwigs XVI. wendete sich das Blatt: Schiller war empört über das französische Verhalten und beschloss, als Ehrenbürger Frankreichs Protest einzulegen. Letztendlich kam er zu der Ansicht, dass ,,der Versuch des französischen Volks, sich in seine heiligen Menschenrechte einzusetzen und eine politische Freiheit zu erringen" nur ,,das Unvermögen und die Unwürdigkeit desselben an den Tag gebracht [...] und einen beträchtlichen Teil Europas, und ein ganzes Jahrhundert, in Barbarei und Knechtschaft zurückgeschleudert" habe.
So wurde sich der Dramatiker der utopischen Vorstellung der Revolutionäre bewusst. Es ist zu vermuten, dass Schiller mit seinem Spätwerk seine Wunschvorstellung einer ,,idealen" Revolution verwirklichen wollte. Anstatt eines Aufstandes mit Gewalt und Terror wünschte sich der Dramatiker eine friedliche Umwälzung der Gesellschaft, wie sie das Schweizer Landvolk im ,,Tell" plant und auch durchführt. Dieses Ideal lässt Schiller durch die Aussage Walter Fürsts: ,,Abtreiben wollen wir verhaßten Zwang / Die alten Rechte, wie wir sie ererbt / Von unsern Vätern, wollen wir bewahren, / Nicht ungezügelt nach dem Neuen greifen" (1353ff.) zum Ausdruck bringen. Der Dichter entwickelt ein Modell, nach welchem die festgeschriebenen Rechte in geregelten Bahnen gefordert und erarbeitet werden sollen, ohne dass mit Gewalt erzwungene Umstürze notwendig werden. So besonnen und überlegt, wie die Schweizer handeln, stellte sich Schiller den Idealtypus eines gesellschaftlichen Wandels vor.

Nationalsozialistische Auslegungen und Verwendungsmöglichkeiten
Nach der Machtübernahme Hitlers wurde ,,Wilhelm Tell" als Nationaldrama hochgeschätzt. Es verkörperte nicht nur den NS-Nationalitätsgedanken, sondern auch die Vorstellung einer Volksgemeinschaft sowie die ideale Führernatur.
Die meistzitierte Textstelle des ,,Tell" überhaupt war der Rütli-Schwur (2. Aufzug, 2. Szene). Er wurde als Mahnung verstanden, um die politische und geistige Einheit Deutschlands zu stärken. Zahlreiche Massenveranstaltungen und politische Kundgebungen banden den Schwur in ihr Programm mit ein, so z. B. auch die ,,Sonderveranstaltung des NSDAP" am 20.04.1933 (Hitlers Geburtstag) im Braunschweiger Landestheater. Der Programmablauf endete mit der Abfolge ,,Horst-Wessel-Lied / Rütli-Schwur / Deutschlandlied". Die Zitate ,,Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an" (Attinghausen, 922) und ,,Unser ist durch tausendjährigen Besitz / Der Boden [...]" (Stauffacher, 1270f.) waren in fast allen Schulbüchern der Mittel- und Oberschule zu finden. Es wurden sogar Forderungen nach Denkmalsschutz für das Stück laut, damit seine Qualität nicht durch zu häufige Aufführungen gemindert würde.
Wilhelm Tell wurde als das ideale Abbild eines Führers angesehen. Wies er Züge auf, die den NS-Ansprüchen nicht gerecht wurden, wie z. B. seine individualistische Handlungsweise, so galt dies als Anschauungshinweis Schillers, wie ein Führer nicht zu sein habe. Neben Tell galt jedoch auch Stauffacher als Beispiel einer Führernatur: ,,Das bedrängte Volk soll sich seinen stammverwandten, artgeborenen Führern in straffer Selbstzucht unterordnen, wie die Schweizer dem bedächtigen, weitblickenden Stauffacher [...]."
Das besondere am ,,Fall ,Wilhelm Tell`" war jedoch, dass sich schon seit der Machtübernahme immer wieder auch Stimmen gegen Schillers Werk erhoben. Häufigstes Argument war die Tatsache, dass der Stoff nicht aus Deutschland, sondern aus der Schweiz stammte und Schiller das fremde Material sogar einer vorgeschlagenen Geschichte über Heinrich den Löwen vorgezogen haben soll. Zudem wurde bemängelt, dass sich die Schweiz und somit der Stoff vom Deutschen Reich, d. h. von der ,,rassischen Mitte" gelöst habe; die Loslösung eines Reichsteils wurde verherrlicht. Schiller wurde daraufhin als Versager tituliert, weil er angeblich ein Stück geschaffen habe, das ,,den Verlust eines wertvollen Gebietes für das Deutsche Reich" beinhalte und somit für den ,,deutschen Gedanken ganz unfruchtbar" sei. Auch an die Figur des Tell selbst wurde ein Vorwurf gerichtet: er handle zu individualistisch, sei nicht in die Gemeinschaft integriert.
Am 03. Juni 1941 wurde eine Anordnung veröffentlicht, welche ab sofort die Aufführung des Schillerschen Spätwerkes, das bis 1938 das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen war, untersagte. Gründe für das Verbot waren zunächst nicht bekannt. Vermutungen wiesen auf die Furcht der Reichsregierung vor den Auswirkungen der revolutionären Inhalte auf die damalige Zeit, zwei Jahre nach Beginn des zweiten Weltkrieges, hin. Zudem habe sich Hitler um seine persönliche Sicherheit gesorgt, zumal im ,,Tell" der Tyrannenmord am dominanten Landvogt Geßler in nicht geringem Umfang verherrlicht wurde. Als Indiz hierfür kann sogar die Tatsache gelten, dass im Jahre 1938 mehrere Attentate auf den Führer verübt worden waren, und zwar alle von einem Schweizer Theologiestudenten, dessen Hinrichtungstermin in unmittelbarer Nähe zur Verbotsanordnung lag. Da außerdem die außenpolitischen Beziehungen zur neutralen Schweiz keineswegs rosig aussahen und der ,,Tell" dort als Symbolfigur für den Widerstand gegen das Deutsche Reich galt, lag anscheinend ein Verbot des Dramas für die Nationalsozialisten nahe, um weiteren Schaden, der aus dem Inhalt hervorgehen könnte, vom Reich abzuwenden.
Allgemein ist zu erkennen, dass Schillers Werk einen erschreckenden Einfluss auf die damalige deutsche Gesellschaft ausübte, zumal ,,Tell" tief im Bewusstsein des Volkes verankert war und nun von einem Tag auf den anderen abgesetzt werden sollte. Des weiteren symbolisiert das Verhalten der Nationalsozialisten im ,,Fall ,Wilhelm Tell`" die Zeitunabhängigkeit der Klassiker, da der ,,Tell" auch 140 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch politische Aktualität aufwies.

Goethe als nationalsozialistisches Identifikationsproblem
Im Gegensatz zu Friedrich von Schiller, der von den Nationalsozialisten geradezu führergleich behandelt wurde, bereitete Johann Wolfgang von Goethe dem NS-Gleichschaltungsprozess erhebliche Schwierigkeiten. Schon 1930 hatte der Literaturwissenschaftler Alfred Rosenberg erkannt, dass Goethe für die anstehenden ,,Zeiten erbitterter Kämpfe" nicht brauchbar sei, ,,weil [...] er sowohl im Leben wie im Dichten keine Diktatur eines Gedankens anerkennen wollte, ohne welche jedoch ein Volk nie ein Volk bleibt und nie einen echten Staat schaffen wird". Die Berufung auf Goethe wurde vermieden, da sich seine Ansichten z. B. der ,,Gott-Natur" oder der ,,Dämon-Lehre" erst in den Werken anderer Autoren wie Hölderlin oder Kleist entwickelten. Stattdessen zog man Schiller, dessen Aussagen und Ansichten klarer erschienen, vor.
Teilweise kam es sogar zu einer regelrechten Hetzkampagne gegen Goethe. Schon 1928 veröffentlichte Mathilde Ludendorff, die Ehefrau des Generals Erich Ludendorff, ihr Buch ,,Der ungesühnte Frevel". Darin behauptete sie, Schiller, Luther, Lessing, Mozart und einige andere seien von geheimen, überstaatlichen Mächten, d. h. Juden und Freimaurern, ermordet worden. Auslöser für diese Vermutungen war Schillers mysteriöser Tod am 09. Mai 1805, sein mitternächtliches Begräbnis und die Diskussion um die Echtheit des angeblichen Schillerschädels, der später in der Weimarer Bibliothek aufbewahrt wurde. Das Motiv für den angeblich auf jüdisches Geheiß durchgeführten Mord wurde von Ludendorff nicht konkret angegeben; ,,jemand, der den jüdischen ,Listkampf` nicht durchschaut habe, sei allerdings kaum in der Lage, das Mordmotiv zu erkennen." Antisemitische Aussprüche soll Schiller jedenfalls nicht geäußert haben. Jedoch sei seine Wendung zum eigenen Volkstum (wie z. B. im ,,Tell" zum Ausdruck kam) den Juden äußerst ungelegen gekommen, da sie hofften, Schiller für ihre Ziele verpflichten zu können, um zu verhindern, dass die Deutschen - ihrem großen Dichter folgend - sich auch auf ihre Rasse besinnen würden und die ,,rassischen Fremdkörper im Volksorganismus hätten [...] ausscheiden können".
Brisant wurde die Angelegenheit deshalb, weil Ludendorff behauptete, Goethe habe als Logenbruder der Freimaurer von Schillers Vergiftung gewusst, sei eventuell sogar selbst an der Tat beteiligt gewesen, da er seine Gehorsamspflicht als Logenbruder nicht verletzen durfte. Ludendorff schrieb wörtlich: ,,Da die Juden [...] dem Deutschen Volke Goethe zum unantastbaren Heiligen gemacht hatten, hielt der ganze Lügenbau über Schiller, Mozart und andere. Mit der klaren Erkenntnis des Charakters des Hochgradbruders Goethe stürzten die Mauern ein [...]."
Die Ludendorffschen Ausführungen wurden in der Presse kontrovers diskutiert, was die Goethe-Gesellschaft 1934 zu einer eigenständigen Prüfung sämtlicher Dokumente und Aussagen veranlasste. 1935 wurde eine Schrift veröffentlicht, die den ,,ungesühnten Frevel" scharf zurückwies. Die Auseinandersetzungen nahmen ein abruptes Ende: Am 27. November 1936 hob Reichspropagandaminister Joseph Goebbels anlässlich seiner Rede zum allgemeinen Verbot der Kunstkritik besonders die Ludendorff-Schriften hervor, wodurch er eine Diffamierung und damit das Verschwinden ihrer Ausführungen aus dem öffentlichen Leben erreichte.
Auch wenn Goethe für die Nationalsozialisten wenig Eignung als Identifikationsperson aufwies, so mangelte es jedoch nicht an Versuchen, die Gestalt des klassischen Dichters für die faschistische Ideologie in Anspruch zu nehmen. Zu seinem 190. Geburtstag am 28. August 1939 gab der ,,Zeitschriften-Dienst" Themenvorschläge und Anregungen zum Motto ,,Goethe in der Gegenwart" für die kommenden Festveranstaltungen und die alltägliche Behandlung Goethes heraus. Stichwortartig wurde das von den Nationalsozialisten gewünschte Goethe-Bild festgehalten: ,,[...] Goethes Stellung zur Problematik des Christentums. [...] - Goethes Bewertung der Gemeinschaftserziehung: ,Männer sollten von Jugend auf Uniform tragen, weil sie sich gewöhnen müssen, sich unter ihresgleichen zu verlieren, in Masse zu gehorchen und ins Ganze zu arbeiten. [...]`"
In der Goetheforschung ging der Trend eindeutig zu einer textimmanenten Betrachtungsweise der Goethe-Werke, weg von historisch-soziologischen Interpretationsansätzen. Der völlige Verzicht auf eine vorhergehende theoretische Begründung der angewandten Methode und eine fast mechanische Sprachanalyse vom ersten bis zum letzten Auftritt kennzeichneten die Vorgehensweise, wodurch natürlich die persönliche Motivation Goethes und die Umstände seiner Zeit völlig außer acht gelassen wurden und Fehldeutungen entstanden. Auch Verfälschungen standen, sofern Goethe überhaupt betrachtet wurde, auf dem Programm. So wurde z. B. das Zitat aus den ,,Wahlverwandtschaften", ,,Man erziehe die Knaben zu Dienern und die Mädchen zu Müttern, so wird es überall wohlstehen", die sich bei den Machthabern großer Beliebtheit erfreute, 1937 vom Reichsjugendleiter Baldur von Schirach in einer Rede mit dem verfälschenden Zusatz ,,Diener am Staat" versehen.

Zum Abschluss dieser Ausführungen werden die wichtigsten Ergebnisse im folgenden kurz resümiert und kommentiert.

Zusammenfassung und Kommentar
Zusammenfassend lässt sich erkennen, dass in der Zeit von 1933 - 1945 die klassische Literatur einen ganz besonderen Stellenwert innehatte. Sie wurde nicht nur als Kulturgut und Dokumentation vergangener Zeiten gesehen, sondern hatte auch einen politischen Auftrag zu erfüllen: die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts in der Bevölkerung und teilweise auch die Rechtfertigung nationalsozialistischer Aktionen gegenüber der Öffentlichkeit. Die Methoden hierzu waren jedoch mehr als zweifelhaft, Umdeutungen, Auslassungen und zweideutige Interpretationen waren in der faschistischen Literaturwissenschaft nicht selten anzutreffen. Besonders die Werke Schillers waren von der ideologischen Vereinnahmung betroffen, Goethe hingegen wurde nur geringfügig und mit Skepsis betrachtet.
Die Ausführungen zeigen, dass Adolf Hitler und seine Gefolgsleute auch vor kulturell hochgeschätzten Werken nicht zurückschreckten, um ihre Ideologie durchzusetzen, und auch nicht den Vergleich des nationalsozialistischen Programmes mit dem deutschen Klassizismus und die Gleichstellung Schillers mit Hitler selbst scheuten. Dieses Vorgehen zeigt auf erschreckende Weise, wie sich die Machthaber des Dritten Reiches durch die Vereinnahmung des kulturellen Lebens an die Macht schlichen, um dann alles auszumerzen, was nicht ihrer Ideologie entsprach - eine Methode, die jederzeit wieder passieren könnte. Mit diesen Ausführungen soll ein Stück Aufklärungsarbeit geleistet werden, um möglicherweise eine unbewusste Indoktrination durch Literatur in der Zukunft erkennen und vermeiden zu können.

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