Home Literatur Epochen Deutsch - Referate Erörterungen Gedichte Biografien Biologie und Chemie Geschichte - Referate Geografie - Referate Dienstprüfung - B-Prüfung Gästebuch Forum Links und Chat


Stigmatisation - Träger der Wundmale Christi:



 

 

1. Was ist Stigmatisation? Definition!

 

STIGMATISATION (stigma = Stich, Mal, Zeichen) Typische Male oder Zeichen am Körper eines Menschen, die den Wunden ähneln, die Jesus Christus bei der Kreuzigung zugefügt wurden. Ihnen wird im katholischen Christentum eine symbolische Bedeutung zugemessen. Ursprünglich verstand man unter einem Stigma ein Brandzeichen, das bei den alten Griechen und Römern hauptsächlich Sklaven (aber auch Freien) für bestimmte Vergehen auf die Haut gebrannt wurde. Da aber nicht immer ein religiöser Hintergrund zu finden ist, gibt es auch andere Formen der Stigmatisation.

Zum Beispiel können in Verbindung mit Poltergeistphänomenen Hauterhebungen in Form von verschiedenen Zeichen oder sogar Buchstaben auftreten. Wie in jener Szene aus dem Film "Der Exorzist" wo die von einem Dämon besessene Reagan (Linda Blair) das Wort "Help" auf ihrer Haut erscheinen lässt.

Zu den Wundmalen Christi zählen die Stichwunden der Dornenkrone am Kopf, die Nagelwunden an den Händen und Füßen, die Seitenwunde, die Christus durch den Speerstich jenes römischen Soldaten zugefügt wurde, der überprüfen sollte ob er schon tot ist. Sowie Geißelwunden und Wunden an Schultern und Knien. Die zuletzt erwähnten treten aber sehr selten auf. Am häufigsten zeigen Stigmatisierte die Nagelwunden an Händen und Füssen

Stigmata (Hand-, Fuß-, Seitenwunde, Stirn, tlw. auch Schulter, Knie, Geißelwunden):

·        Ideoplastische Bildungen vs. Veränderungen, Umgestaltungen im Laufe der Zeit

·        Substanzgewinn ("Nagelkopf" aus Körpersubstanz gebildet) vs. Substanzverlust ("Loch" in der Hand)

·        Stigmata heilen weder ab, noch fallen sie Infektionen / Entzündungen anheim

·        Blutungen: blutige Vesikationen, Blutschwitzen, Blutweinen (letzteres ohne biblische Vorbilder!)

Weitere Charakteristika:

·        langjährige Krankheitsgeschichte - oft mit "wunderbaren" Heilungen - vor dem Manifestwerden der Stigmatisation etc.

·        Veränderte Bewusstseinszustände, Ekstasen mit Visionen / Auditionen (Passion, Liturgie)

Gleichzeitig auftretende paranormale Phänomene:

·        Telepathie, Hellsehen, Präkognition (insbes. bzgl. eigener Leiden etc.), Hierognosie (Unterscheidung von geweihten und nicht geweihten Gegenständen)

·        Telekinese, Levitation, Licht -, Geräusch- (Poltern) und Duftphänomene

·        Inedie, Asitie (Nahrungslosigkeit) - minimale Nahrungsaufnahme, Abscheu vor Nahrung

·        fehlendes Schlafbedürfnis

·        "diabolische" Anfechtungen

Wissenschaftliche Interpretation:

"Psychische Energie" wird - statt z. B. in Sexualität - in die Krankheit und Heiligkeit investiert ...
Hysterie, Somatisation ...

Insbesondere die Handstigmata (jeweils in der Mitte des Handrückens bzw. Handtellers) befinden sich an Stellen, die aus anatomischer Sicht "unrichtig" sind, da eine Annagelungan diesen Stellen nicht imstande wäre, das Körpergewicht zu tragen. Hingegen kann eine Beziehung zwischen der Ausbildung der Stigmata einer(-es) bestimmten Stigmatisierten und den Stellen der Nagelung an jenem Kruzifix, das er/sie für seine/ihre Andachtsübungen verwendet, nachgewiesen werden. Das allein ist ein schlagendes Indiz für die psychogene Verursachung der Stigmatisation.

Der Vorgang der Ideoplastie (eine bewußte oder auch unbewußte Idee erringt einen formgebenden Einfluss auf Teile des Organismus), der bei den Stigmatisierten zur Herausbildung und Aufrechterhaltung der Wundmale führt, wird auch in anderen Situationen wirksam, z.B. bei den bekannten "hypnotischen Brandblasen", der eingebildeten Schwangerschaft oder anderen psychogen bedingten organischen Veränderungen.

 

2. Beispiele von stigmatisierten Menschen

 

2.1. Therese Neumann

 

Sie wurde in der Nacht von Karfreitag auf Karsamstag (8. auf 9. April) 1898 in Konnersreuth geboren. Als 20-Jährige hatte die Bauernmagd, erstes von zehn Kindern des Schneidermeisters Ferdinand Neumann und seiner Ehefrau Anna, beim Löschen eines Brandes sich das Rückgrat verrenkt, was mehrere Stürze und schließlich ein jahrelanges Siechtum mit sich brachte.Am Tag der Seligsprechung der von ihr sehr verehrten kleinen Theresia, am 29.April 1923, konnte sie plötzlich nach 4 ½  jähriger Blindheit wieder sehen und am Tag ihrer Heiligsprechung, am 17.Mai 1925 konnte sie nach 6½-jähriger Lähmung wieder aufstehen und bald auch wieder gehen. In der Fastenzeit 1926 stellten sich bei ihr unerklärliche Phänomene ein: Es traten an den Händen, an den Füßen und an der Seite Stigmata auf, die bis zu ihrem Tod nicht mehr vergingen; sie hatte Visionen über das Leben Jesu, vor allem sein Leiden und Sterben, das sie selber etwa Siebenhundertmahl in ihrem Leben miterlebt und miterlitten hat, aber auch über Szenen aus dem Leben von Heiligen an ihren Festen im Kirchenjahr. Außerdem lebte sie 36 Jahre lang nur von der täglichen heiligen Kommunion. Ansonsten führte  die unverheiratete Therese Neumann ein ganz normales, bescheidenes und einfaches Leben, das bestimmt war von einer großen Heilandsliebe und von großer Hilfsbereitschaft, die sie nicht nur bei allen Konnersreuthern, sondern in aller Welt bekannt und geschätzt machten.

 

Am 18.September 1962 starb Therese Neumann im Alter von 64 Jahren an einem Herzinfarkt und wurde auf dem Friedhof in Konnersreuth in einer Gruft beerdigt.Wegen der unerklärlichen mystischen Phänomene der Stigmatisation, der Visionen und der Nahrungslosigkeit war Therese Neumann ihr Leben lang auch heftig umstritten und hat bis heute noch Gegner, die das alles nicht glauben können oder wollen. Es gibt aber weit mehr (mindestens 40.000) Anhänger in aller Welt, die durchaus nicht aus Wundersucht und Aberglauben in Therese Neumann ein Zeichen der Gnade Gottes sehen, die "Großes an ihr getan" hat. Ihre Persönlichkeit und Wirksamkeit hat sich segensreich erwiesen in vielen Bekehrungen und Konversionen zum katholischen Glauben. Ihr Grab ist übersät mit Votivtafeln zum Dank für ihre fürbittende Hilfe und unzählige Gebetserhörungen wurden gemeldet. Mehrere Zehntausend haben ein Gesuch um Seligsprechung eingereicht. Aber es muss erst noch eine historisch-kritische, wissenschaftliche Dokumentation über ihr Leben verfasst werden.

2.2. Anna Katharina Emmerick

 

Anna Katharina Emmerick wurde am 08. September 1774 in der Bauernschaft Flamschen bei Coesfeld geboren. Inmitten einer Geschwisterschar von 9 Kindern wuchs sie auf. Schon früh musste sie im Haus und bei der Landarbeit helfen. Ihr Schulbesuch war kurz. Umso mehr fiel es auf, dass sie in religiösen Dingen gut unterrichtet war. Schon früh bemerkten die Eltern und alle, die Anna Katharina kannten, dass sie sich in besonderer Weise zum Gebet und zum religiösen Leben hingezogen fühlte.

Drei Jahre tat Anna Katharina Dienst auf einem großen Bauernhof in der Nachbarschaft. Anschließend lernte sie nähen und war zur weiteren Ausbildung in Coesfeld. Sie liebte es, die alten Kirchen in Coesfeld zu besuchen und den Gottesdienst mitzufeiern. Anna Katharina hatte den Wunsch, ins Kloster einzutreten. Da dieser Wunsch sich zunächst nicht verwirklichen ließ, kehrte sie in das Elternhaus zurück. Sie arbeitete als Näherin und kam dabei in viele Häuser.

Anna Katharina bat in verschiedenen Klöstern um Aufnahme. Sie wurde jedoch abgewiesen, da sie keine besondere Mitgift mitbringen konnte. Die Klarissen in Münster erklärten sich schließ bereit, sie aufzunehmen, wenn sie das Orgelspielen erlernen würde. Sie erhielt von ihren Eltern die Erlaubnis, beim Organisten Söntgen in Coesfeld in die Lehre zu gehen. Sie kam jedoch nicht dazu, das Orgelspiel zu erlernen. Die Not und Armut in diesem Haus veranlassten sie, im Hause und in der Familie mitzuarbeiten. Sie gab sogar ihre geringen Ersparnisse hin, um der Familie Söntgen zu helfen.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Klara Söntgen konnte sie schließlich 1802 im Kloster Agnetenberg in Dülmen eintreten. Im folgenden Jahr legte sie ihr Ordensgelübde ab. Mit Eifer nahm sie am Leben des Klosters teil. Sie war stets bereit, auch schwere und ungeliebte Arbeiten zu übernehmen. Ihrer armen Herkunft wegen wurde sie im Kloster zunächst wenig geachtet. Manche ihrer Mitschwestern nahmen Anstoß an ihrer genauen Befolgung der Ordensregel und hielten sie für eine Heuchlerin. Anna Katharina trug diesen Schmerz schweigend und in stiller Ergebung. In den Jahren 1802 bis 1811 wurde Anna Katharina häufiger krank und hatte große Schmerzen zu erdulden

1811 wurde das Kloster Agnetenberg im Zuge der Säkularisation aufgehoben. Auch Anna Katharina musste das Kloster verlassen. Sie fand Aufnahme als Haushälterin bei Abbé Lambert, einem aus Frankreich geflüchteten Priester, der in Dülmen wohnte. Doch bald wurde sie krank. Sie konnte das Haus nicht mehr  verlassen und wurde bettlägerig. Im Einvernehmen mit Vikar Lambert ließ sie ihre jüngere Schwester Gertrud kommen, die unter ihrer Leitung den Haushalt betreute.

In dieser Zeit empfing Anna Katharina Emmerick die Wundmale. Die Schmerzen der Wundmale hatte sie bereits seit längerer Zeit erlitten. Die Tatsache, dass sie die Wundmale trug, konnte nicht verborgen bleiben. Dr. Franz Wesener, ein junger Arzt, suchte sie auf und war so sehr von ihr beeindruckt, dass er ihr in den folgenden elf Jahren ein treuer, selbstloser und helfender Freund wurde. Er hat ein Tagebuch über seine Begegnungen mit Anna Katharina Emmerick geführt, in dem er eine Fülle von Einzelheiten festgehalten hat.

Ein hervorstechender Zug im Leben Anna Katharinas war ihre Liebe zu den Menschen. Wo immer sie Not sah, suchte sie zu helfen. Auch auf ihrem Krankenlager fertigte sie noch Kleidungsstücke für arme Kinder an und freute sich, wenn sie ihnen damit helfen konnte. Obwohl ihr die vielen Besucher manchmal hätten lästig werden können, nahm sie alle freundlich auf. Sie nahm sich ihrer Anliegen im Gebet an und schenkte ihnen Ermunterung und Trost.

Viele Persönlichkeiten, die in der kirchlichen Erneuerungsbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Bedeutung waren, suchten die Begegnung mit Anna Katharina Emmerick, u.a.: Clemens August Freiherr Droste zu Vischering, Bernhard Overberg, Friedrich Leopold von Stolberg, Johann Michael Sailer, Christian und Clemens Brentano, Luise Hensel, Melchior und Apollonia Diepenbrock.

Von besonderer Bedeutung wurde die Begegnung mit Clemens Brentano. Aus seinem ersten Besuch 1818 wurde ein fünfjähriger Aufenthalt in Dülmen. Täglich besuchte er Anna Katharina, um ihre Visionen aufzuzeichnen, die er später veröffentlichte.

Im Sommer 1823 wurde Anna Katharina immer schwächer. Wie in allen vorhergehenden Jahren verband sie ihr Leiden mit dem Leiden Jesu und opferte es auf für die Erlösung der Menschen. Sie starb am 09. Februar 1824.

Anna Katharina Emmerick wurde auf dem Friedhof in Dülmen begraben. Zahlreiche Menschen nahmen an der Beerdigung teil. Weil das Gerücht entstand, der Leichnam Anna Katharinas sei entwendet worden, wurde das Grab in den auf die Beerdigung folgenden Wochen noch zweimal geöffnet. Der Sarg mit dem Leichnam wurde in unversehrtem Zustand gefunden.

Clemens Brentano schreibt über Anna Katharina Emmerick: »Sie steht wie ein Kreuz am Weg«. Anna Katharina Emmerick weist uns hin auf die Mitte unseres christlichen Glaubens, auf das Geheimnis des Kreuzes. Das Leben Anna Katharina Emmericks ist gekennzeichnet von einer tiefen Christusverbundenheit. Sie liebte es, vor dem berühmten Coesfelder Kreuz zu beten Kreuzweg. Sie nahm persönlich so sehr teil am Leiden des Herrn, dass es nicht übertrieben ist zu sagen: Sie lebte, litt und starb mit Christus. Ein äußeres Zeichen dafür, sind die Wundmale, die sie trug.

Anna Katharina Emmerick war eine große Marienverehrerin. Der Festtag Mariä Geburt ist auch ihr Geburtstag. Ein Wort aus einem Mariengebet weist uns auf einen weiteren Aspekt im Leben Anna Katharinas hin. In diesem Gebet heißt es: »O Gott, lass uns nach dem Vorbild des Glaubens und der Liebe Mariens dem Werk der Erlösung dienen«. Dem Werk der Erlösung dienen: Das wollte Anna Katharina Emmerick.

Der Apostel Paulus spricht im Brief an die Kolosser von zwei Weisen des Dienstes am Evangelium, des Dienstes an der Erlösung. Die eine Weise besteht in der aktiven Verkündigung in Wort und Tat. Was aber, wenn das nicht mehr geht? Paulus, der sich offensichtlich in einer solchen Situation befindet, schreibt: »Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt« (Kol 1, 24).

In beiderlei Weise hat Anna Katharina Emmerick der Erlösung gedient. Ihr Wort, das aus ihrer unscheinbaren Kammer in Dülmen durch die Schriften von Clemens Brentano ungezählte Menschen in vielen Sprachen erreicht hat, ist bis in unsere Tage hinein eine hervorragende Verkündigung des Evangeliums im Dienst an der Erlösung. Zugleich aber hat Anna Katharina Emmerick ihr Leiden als einen Dienst an der Erlösung aufgefasst. Dr. Wesener, ihr Arzt, berichtet in seinem Tagebuch ihren Anspruch: »Ich habe es mir immer als eine besondere Gabe von Gott erbeten, dass ich für die leide und womöglich genugtue, die aus Irrtum oder Schwachheit auf dem Irrweg sind«. Es wird berichtet, dass Anna Katharina Emmerick vielen ihrer Besucher Glaubenshilfe und Trost spendete. Ihr Wort hatte diese Kraft, weil sie ihr Leben und Leiden in den Dienst der Erlösung hineintrug.Durch Glauben und Liebe dem Werk der Erlösung dienen: Anna Katharina Emmerick kann uns darin ein Vorbild sein.

Dr. Wesener überliefert den Ausspruch Anna Katharina Emmericks: »Ich habe den Dienst an dem Nächsten immer für die höchste Tugend gehalten. In meiner frühesten Jugend schon habe ich Gott gebeten, dass er mir die Kraft verleihen wolle, meinen Mitmenschen zu dienen und nützlich zu sein. Und ich weiß jetzt, dass er meine Bitte erfüllt hat«. Wie konnte sie, die jahrelang auf das Krankenzimmer beschränkt und an das Bett gefesselt war, den Nächsten dienen?

Der damalige Generalvikar Clemens August Droste zu Vischering nennt in einem Brief an den Grafen Stolberg Anna Katharina Emmerick eine besondere Freundin Gottes. Mit einem Wort von Hans Urs von Balthasar können wir sagen: »Sie warf ihre Freundschaft mit Gott in die Waagschale in der Solidarität mit den Menschen«.

Die Freundschaft mit Gott in die Waagschale werfen in der Solidarität mit den Menschen: Wird hier nicht ein Anliegen für das kirchliche Leben unserer Tage deutlich? Der christliche Glaube erfasst nicht mehr alle. Die christliche Gemeinde steht stellvertretend in unserer Welt für die Menschen vor Gott. Wir müssen unsere Freundschaft mit Gott in die Waagschale werfen in der Solidarität mit den Menschen.

Anna Katharina Emmerick ist uns verbunden in der Gemeinschaft der Glaubenden. Diese Gemeinschaft endet nicht mit dem Tod. Wir glauben an die bleibende Gemeinschaft mit allen, die Gott zur Vollendung geführt hat. Wir sind über den Tod hinaus verbunden, und sie nehmen an unserem Leben teil. Wir können sie anrufen und sie um ihre Fürsprache bitten. Wir bitten Anna Katharina Emmerick, die neue Selige, dass sie ihre Freundschaft mit Gott in die Waagschale werfe in der Solidarität mit uns und mit allen Menschen.

2.3.  Pater Pio – Francesco Forgione

 

Pater Pio (als Francesco Forgione am 15. Mai 1887 in Pietrelcina, Italien; † am 23. September 1968 in San Giovanni Rotondo, Italien) war ein katholischer Mönch und Priester. Seit 1918 zeigte sich bei ihm die Wundmale Christi, später war er auch als Krankenheiler und Prophet tätig. 1999 wurde er von Johannes Paul II. selig, 2002 schließlich heilig gesprochen. Er gilt als einer der populärsten Heiligen Süditaliens.

Francesco Forgione war das achte Kind von Grazio Forgione, einem Bauern, und Maria Guiseppina di Nunzio. Am 6. Juli 1902 bewarb er sich als Postulant bei den Kapuzinern in San Giovanni. Nach der Schulzeit trat er am 22. Januar 1903 als Novize in den Kapuzinerorden ein und nahm den Namen Pio an. Zu dieser Zeit war er bereits an Tuberkuloseerkrankt. Nach den zeitlichen Gelübden am 22. Januar 1904 begann Bruder Pio mit dem Studium, legte am 27. Januar 1907 die ewigen Gelübde ab und wurde am 10. August 1910 zum Priester geweiht. Anschließend assistierte er dem Priester von Pietrelcina und wurde im November 1915zum Militärdienst als Sanitäter einberufen. Wegen seiner schlechten Gesundheit war der Dienst oft durch Genesungsurlaube unterbrochen, am 6. März1918 wurde er für untauglich erklärt. Nach Aufenthalten in verschiedenen Klöstern kam er 1916 in das Kapuzinerkloster von San Giovanni Rotondo, in dem er bis zu seinem Tod lebte.

Am 10. September 1910 erlebte er das Leiden Christi so intensiv, dass eine Stigmatisation in Form von Hautrötungen auftrat. Ab 20. September1918 wurden Wunden, die nicht verheilten, an Brust, Händen und Füßen sichtbar. Die Stigmata führten zu wiederholten, kirchlich angeordneten medizinischen Untersuchungen. Um die Wunden an den Händen zu verbergen, trug Pater Pio meist fingerlose Handschuhe.Trotz großer, auch kirchlicher Zweifel an deren Echtheit, reisten zunehmend Pilger nach San Giovanni Rotondo zu den Gottesdiensten Pater Pios und suchten ihn als Beichtvater auf. Zeitweise verboten die kirchlichen Obrigkeiten, dass er sich in Öffentlichkeit zeigte. Seit 1940 betätigte er sich zudem als Heiler und sprach Prophezeiungen aus. So wird ihm nachgesagt, dem jungen Priester Karol Wojtyla 1947 sowohl die Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche als auch das Attentat von 1981 vorausgesagt zu haben. Es wird auch berichtet, dass er die Gabe der Bilokation gehabt hat. Ebenfalls 1940 begann Pater Pio, Spenden für ein Krankenhaus zu sammeln. 1956 schließlich wurde die Casa Sollievo della Sofferenza in San Giovanni Rotondo eröffnet, die damals zu den größten und modernsten Kliniken Süditaliens zählte.

Als er 1969 mit 81 Jahren starb, sollen über 100.000 Menschen an seinem Begräbnis teilgenommen haben. Giovanni Rotondo ist bis heute eine Pilgerstätte.

Nach langjähriger Skepsis und auch Sanktionen seitens der katholischen Kirche wurde sein Wirken unter Johannes Paul II. schließlich anerkannt. 1997 erklärt ihn der Heilige Stuhlzum „Ehrwürdigen Diener Gottes“, an 5. Mai 1999 wurde Pater Pio selig gesprochen. Dieses Ereignis gilt als „Seligsprechung des Jahrhunderts“ – der Petersplatzwar zu klein, um alle Gläubigen aufzunehmen, die ihrer Verkündung beiwohnen wollten. Die Heiligsprechung folgte am 16. Juni 2002.

Im Sommer 2004 wurde nach mehrjähriger Bauzeit die neue Großkirche des Architekten Renzo Piano neben dem Grab des Paters eingeweiht.

 

3. Franz v. Assisi - Lebensgeschichte und seine Stigmatisation

 

 

1182  wurde dem Kaufmann Pietro Bernadone, Tuchhändler in Assisi, ein Sohn geboren. Die Mutter stammte aus der Provence in Südfrankreich. Dort hatte Pietro Bernadone sie auf einer Handelsreise kennengelernt. Als das Kind geboren wurde, war er ebenfalls in Frankreich unterwegs. Er nannte den Jungen, der den Namen Giovanni bekommen hatte, immer nur »Französlein«, Francesco.

 

Wie jeder Vater, dessen Geschäft gut geht, wünschte sich Bernadone nichts mehr, als dass der Sohn es erfolgreich weiterführe. Das schien auch möglich. Franz wurde im Wohlstand groß, hatte einen weiten, offenen Freundeskreis, feierte gerne mit den Altersgenossen und gab selber oft Feste. Er konnte sich Großzügigkeit leisten, denn er war im väterlichen Geschäft tätig und hatte offensichtlich auch Zugang zur Kasse. Seine Großzügigkeit galt aber nicht nur Freunden. Auch Armen gegenüber zeigte er sie. Als er einmal einen Bettler knapp abgefertigt hatte, weil anderes ihn beanspruchte, reute ihn hinterher sein Verhalten, und er nahm sich vor, »in Zukunft keine Bitte mehr abzuschlagen«. Diese Freigebigkeit kennzeichnete ihn bis zum Tode.

 

Das lustig-oberflächliche Treiben der reihum laufenden Feste fand er im Fortgang der Jahre freilich immer schaler. Bei einem Krieg zwischen Assisi und der Nachbarstadt Perugia kam Franz in Gefangenschaft, die ihm im Gefängnis Zeit zum Grübeln gab. Der Vater kaufte ihn los. Aber Franz kehrte krank zurück und genas nur langsam. Offensichtlich war es eine jener Krankheiten, die zur Überprüfung des bisherigen Lebens führen. Franz suchte nach einem neuen Weg.

 

Damals stand er eines Tages unverhofft vor einem Aussätzigen, vor dessen abstoßender Krankheit Franz seit jeher Ekel empfunden hatte. Auch jetzt musste er sich überwinden, den Mann überhaupt nur anzuschauen. Allein der Gestank seiner wunden, faulenden Glieder widerte ihn an. Aber sein Nachsinnen über das eigene Leben. das ihn seit Monaten beschäftigte, ließ ihn diesmal - zur eigenen Verwunderung - standhalten: »Er gab dem Mann ein Geldstück und küsste ihm die Hand. Und auch jener gab ihm den Friedenskuss.« Es war für Franz ein Erlebnis, das ihn wandelte. Er konnte sich seitdem dem Elend der Ärmsten stellen, ohne sich innerlich von ihnen abgestoßen zu fühlen. Eine zweite, mehr innere Erfahrung hatte keine geringere Bedeutung für Franz. Einmal betrachtete er das Kruzifix in dem zerfallenen Kirchlein San Damiano. Da »sprach« der Gekreuzigte zu ihm: »Franz, siehst du denn nicht, wie mein Haus zerstört wird? Geh und baue es wieder auf. Franz verstand seinen Anruf zunächst wörtlich: er trug eigenhändig Steine herbei, mischte Mörtel und baute das Kirchlein wieder auf. Aber erst im Laufe seines weiteren Lebens erkannte er langsam, dass die unter vielen Schäden zerrüttete Kirche seiner bedurfte. Jetzt aber stieg er aus dem väterlichen Geschäft aus, lebte versteckt und begann, im Alleingang zerfallene Kirchen zu reparieren und zu säubern.

 

Der Vater fand diese fromme Liederlichkeit unerträglich. Es kam zum Bruch mit ihm; sein Hass und der Hohn der ganzen Stadt wandten sich gegen Franz. Man lachte ihn aus. Die Kinder riefen »Pazzo! Pazzo!« hinter ihm her und warfen mit Steinen auf den einsam Gewordenen. Franz sagte, es sei Jesu Wille, »ein frischgebackener Narr (pazzo) in der Welt« zu sein.

 

Seitdem blieb Franz unruhig, immerfort sich fragend, was sein Weg sei. Am 24. Februar 1208 ging er in die unterhalb der Stadt gelegene Portiuncula - Kapelle und hörte dort die Evangelien-Lesung: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab ...“  (Mt 10, 7- 10).

 

Thomas von Celano, Franzens späterer Gefolgsmann und Biograph, berichtet, Franz habe auf dieses Evangelium geantwortet: »Das ist's, was ich will; das ist's, was ich suche; das verlange ich aus Herzensgrund zu tun. « Die Verse wurden ihm eine Richtschnur seines Lebens, die er wörtlich befolgte. Fortan trug er einen Kittel aus grobem Tuch, den nur ein Strick umgürtete, ging barfuss und suchte eine Armut, die radikaler gefasst war als im bisherigen Mönchtum. Darum konnte er auch nicht in einen der bestehenden Orden eintreten. Er wollte auf der untersten Ebene der menschlichen Lebensmöglichkeit anfangen.Diese Radikalität fand aber auch Beachtung und bald sogar Nachfolge. Zwar hatte Franz nicht beabsichtigt, einen neuen Orden zu gründen, aber junge Menschen scharten sich um ihn, und er wies sie nicht ab. Die Legende erzählt, wie die ersten drei Gefährten, noch im Zweifel, was für sie wichtig sein sollte, das Neue Testament wie ein Orakel befragten. Franz öffnete das Buch und las: »Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast und gib das Geld den Armen« (Mt 19,21). Beim zweiten Mal schlug er auf: »Ihr sollt nichts mit euch auf den Weg nehmen ... « (Lk 9,3). Und beim dritten Mal las er dort: »Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst ... « (Mt 16,24). Franz ermutigte die neuen Gefährten zu wörtlichem Gehorsam. »So beeilte sich nun Herr Bernardo von Quintavalle, der sehr reich war, und verkaufte seine ganze Habe. Als er das Geld beisammen hatte, verteilte er alles an die Armen der Stadt ... «

Dieser Anfang war aber nicht ermutigend. Als er seine ersten Gefährten ins Land schickte, dort den Ernst des christlichen Glaubens zu predigen, gab es nur Misserfolg. Die Leute betrachteten sie misstrauisch. »Aus manchen Gegenden vertrieb man die Brüder, weil man annahm, sie wären Ketzer. Deshalb mussten die Brüder von Geistlichen und Laien viel Ungemach erleiden. Verängstigt und hart mitgenommen, auch von Räubern verprügelt, kehrten sie in tiefer Traurigkeit zu Franz zurück.« Laienpredigt gilt oft als Kennzeichen für Irrglauben und Ungehorsam gegenüber der Kirchenleitung. Selbst dort, wo man Laien das Wort in der Kirche nicht grundsätzlich bestreitet, ist eine solche Konkurrenz eher unbeliebt. Franz hat diese Erfahrung mehrfach gemacht.

 

Unerbittlich aber war Franz in seiner Liebe zur Armut. Er wollte für sich und alle seine Gefährten vom Geld loskommen. Er durchschaute den Zusammenhang von Geld, Besitz, Waffen, Streit und Krieg: »Wollten wir etwas besitzen, so müssten wir auch Waffen zu unserer Verteidigung haben.« Franz wollte deshalb keine Vorratswirtschaft. Seine Brüder sollten von ihrer Arbeit leben. Wenn es dazu nicht reichte, ließ er sie ohne Scheu, aber als Übung der eigenen Demut, ihre Mitmenschen um Nahrung bitten. Als die Gemeinschaft bereits angewachsen war und eines Tages ein festes Haus geschenkt bekam, verwehrte Franz diesen Besitz. Wer ein Haus hat, meinte er, der sammelt auch Schätze. In diesem Geist der Armut schrieb er die erste Regel für die Gemeinschaft der Minderbrüden Viele fanden sie zu streng. Franz aber sagte schroff: „Wer die Regel nicht halten will, soll den Orden verlassen.“

 

 

3.1. Franz und Klara

 

Im Winter 1210 tauschte ein junger Adeliger sein stattlicher Name: Rufino di Scipione di Offreduccio - die elegante Garderobe gegen die Kutte der Franz-Gemeinschaft. Dieser Rufino hatte eine außerordentlich schöne Cousine, Chiara, die sich als 16jähriges Mädchen ein Gespräch mit Franz vermitteln ließ. Franz und Klara sprachen nicht über die edle Minne, sondern über die Mittel und Wege, als Frau so zu leben, wie Jesus es anregte und wie Franz es tat. Offensichtlich waren die bestehenden Orden auch für eine konsequent denkende junge Frau keine Verlockung mehr. Sie wollte nicht »versorgt« sein. Franz und Klara haben sich damals mehrfach über eine Lösung unterhalten. Darüber verging das Jahr1211.

 

Im Frühling 1212 waren dann Klaras Pläne gereift. Aus dem Palazzo der Offreducci in Assisi fand ein weiblicher Auszug statt, den Klara anführte-. Drei hochadelige Schwestern samt Mutter und Cousine ließen fröhlich allen Luxus hinter sich, um in Zukunft ein karges, armes Leben zu führen. Im Fackellicht jener Nacht legte Klara allen Schmuck ab, ließ sich das Haar von Franz schneiden, tauschte die vornehmen Kleider gegen eine raue Kutte und suchte vorübergehend Unterkunft im Frauenkloster San Paolo. Die Männer des Hauses Offreducci brauchten vier Tage, um Klaras Aufenthaltsort auszukundschaften, doch gelang es ihnen nicht, sie zurückzuholen. In San Damiano fand die kleine Frauenkommune eine erste Bleibe. Weitere Mädchen und Frauen aus der Oberschicht von Assisi kamen hinzu. Sie lebten von der eigenen Arbeit und kümmerten sich um die Aussätzigen. So entstand der zweite Orden des Franz von Assisi. Nach Klara nennt man dessen heutige Mitglieder Klarissen.

 

Die letzten Lebensjahre waren für Franz voller Bedrängnis und Leid. Der allzu große Andrang, er jetzt die Zahl der Minderbrüder vermehrte, machte ihm Sorgen. Er fürchtete, die Entwicklung könne zu studierten Lehrern und faulen Bettelmönchen führen. »Ich habe stets mit meinen ändert gearbeitet und will arbeiten. Ich wünsche, dass auch meine Brüder arbeiten, wie es geziemt. Die es nicht können, sollen es lernen.«  Noch und noch schärfte er ihnen Armut ein: »Die Brüder sollen darauf achten, dass sie Kirchen, ärmliche Wohnungen und was man sonst für sie einrichtet, nicht annehmen. «

 

Doch  er sieht nicht mehr alles, was um ihn her geschieht. Sein Augenlicht erlischt. Auch ist sein Leib durch ständige Entsagung so geschwächt, dass seine Lebenskraft schwindet. Er lebt jetzt zurückgezogen in der felsigen Waldlandschaft am Berg  La Verna. Im Spätsommer 1224 kommt es zu der geheimnisvollen Stigmatisation: An der Seite öffnet sich eine blutende Wunde; Hände und Füße tragen schwärzliche Nagel-Male. Aus seiner einzigartigen Christusliebe trägt er nun dessen Wunden. Franz hat versucht, diese Kennzeichnung geheim zu halten.

 

Von jetzt an siecht er dahin. Im Frühjahr 1226 wird sein Zustand kritisch. Man bringt ihn nach Assisi. Längst haben die Bürger ihn erwartet und willkommen geheißen. Der Spott der frühen Jahre ist tiefer Verehrung gewichen. Am 3. Oktober 1226 stirbt Franz, auf der nackten Erde liegend, bettelarm noch im Sterben. Bereits nach zwei Jahren nimmt ihn die Kirche in die Schar ihrer Heiligen auf. Heute erhebt sich über seinem Grab ein kunstvoller Dom, zu dem die Menschen kommen und gehen. Assisi lebt großenteils von ihm, dem Ärmsten. Selbst im Tod gehört der arme Franz sich

 

4. Kritische Bewertung! Was ist davon zu halten?

4.1. Theologische Betrachtung

In der Theologie steht der Plural insbesondere für das Auftreten der fünf Wundmale Christi am Körper einer lebenden Person. Hier wird auch von Stigmatisation gesprochen. Dabei stehen Schmerzen für die innere Stigmatisation, sichtbare blutunterlaufene Stellen für die äußere. Diese äußeren Wunden heilen charakteristischerweise nicht ab - oder tauchen periodisch wieder auf - und entzünden sich nicht. Am bekanntesten sind Handstigmata, die sich in der Mitte des Handrückens bzw. des Handtellers befinden. Oft treten gemeinsam mit der Stigmatisation paranormale Phänomene (wie Bilokation und Levitation) auf.

4.2. Soziologische und psychologische Betrachtung

In der Psychologie und Soziologie spricht man von einem Stigma im Sinne eines Auffälligkeitsmerkmals. Die Stigmatisierung ist die Verurteilung von Einzelnen oder Gruppen. Stigmata (im Plural auch Stigmen genannt) können zum Beispiel Auffälligkeiten wie körperliche oder geistige Behinderungen, psychische Störungen, aber auch Homosexualität, Prostitution oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität sein. Von einer künstlichen Stigmatisierung spricht man, wenn einer Person oder Gruppe ein Merkmal aufgezwungen wird, so wie es häufig der Vergangenheit der Geschichte geschehen ist.

4.3.  Historische Betrachtung

Eine künstliche Stigmatisierung in der Antike war zum Beispiel die Kennzeichnung von Sklaven. Besonders die Griechen und Römer brandmarkten diese zur Kennzeichnung von Eigentum und Zugehörigkeit.

In Mitteleuropa wurden bis weit ins 19. Jahrhundert Prostituierte, Diebe oder Fälscher mit einem Brandzeichen stigmatisiert. Später fügten europäische Eroberer Afrikanern Brandzeichen zu.

In der Zeit des Nationalsozialismus erfolgte eine Stigmatisierung der Juden. Sie wurden von den NS-Behörden gezwungen den gelben Judensternsichtbar auf ihrer Kleidung zu tragen. Die Nationalsozialisten stellten damit eine Verbindung zur mittelalterlichen Kleidung her, die Juden als Kennzeichen zu tragen hatten (spitzer Hut und gelber Fleck). Als Zeichen wurde das national-religiöse Symbol des Judentums (das Hexagramm des Davidsterns) gewählt.

4.4. Zoologische Bedeutung

In der Zoolgie steht das Wort Stigma für eine Öffnung beziehungsweise einen Schließmuskel der Tracheenausgängen bei Insekten, die wahrscheinlich durch CO2beeinflusst werden.

4.5.  Botanische Bedeutung

In der Biologie steht das Wort Stigma für einen Teil des weiblichen Fortpflanzungsorgans (Stempel) einer Blüte, welches sich im Innersten der Blüte befindet. Der Stempel setzt sich aus Fruchtknoten, Griffel und Stigma (auch Narbe genannt) zusammen.)

4.6. Kritische Bewertung bei Anna K. Emmerick

Die Krankengeschichte der stigmatisierten Anna Katharina Emmerick lässt sich auf verschiedenen Ebenen erklären. Zeitbezogen sind dies der politische Umbruch, die kirchenpolitische Neuorientierung, die psychologischen Folgen der Befreiungskriege und die Ausprägung der geschlechterspezifischen Benachteiligung von Frauen. Dazu kommen der allgemeine Wunderglauben um 1800 sowie die metaphysischen Konzepte der Romantik. Moderne Erklärungshilfen bieten Medizingeschichte und Psychologiegeschichte. Personenbezogene Erklärungen lassen sich in der Biografie und der psychopathologischen Entwicklung der Emmerick finden.

Die Popularität der Kranken ist ein Produkt eines Mentalitätswandels; nicht von Aufklärung zu Romantik - Wunderglauben und Aufklärung hatten bestens koexistiert -, sondern von der Früh- und Hochromantik zur Spätromantik. Die Spätromantik zeichnete sich aus durch Hinwendung zur Mystik und zum Unheimlichen. Wichtige Äußerungen des Mentalitätswandels sind Romantische Konversionen und der beginnende Kirchenkampf, der sich durch das ganze 19. Jahrhundert zieht. Charakteristisches Beispiel ist die Rolle der - interkonfessionellen - Erweckungsbewegungen in der Maikäferei, was in deren Vorläufer, der Christlich Deutschen Tischgesellschaft, noch keine Rolle spielte. Eine wesentliche Ursache dieses Mentalitätswandels ist in den psychischen Folgen der Napoleonischen Kriege in Deutschland, den Kriegserlebnissen der nachwachsenden preußischen Adels- und Bürgerelite zu sehen.

Die Erkrankung Anna Katharina Emmericks passte sich idealtypisch in den romantischen Kontext ein. Die wundergläubige romantische Haltung einerseits und die naive abergläubige Haltung der westfälischen Bevölkerung andererseits begünstigten die Inszenierung als "Wunder" von Dülmen.

Anna Katharina Emmerick war als Somnambule kein Einzelfall, es gab prominente Parallelfälle: Kaspar Hauser und Friederike Hauffe. Weder der Fall des Kaspar Hauser noch der von Friederike Hauffe wurden in einen religiösen Kontext gebracht. Die religiöse Interpretation der Dülmener Erscheinungen als ein göttliches Zeichen des Protests war ein Produkt von Kirchenpolitik.

Hintergrund des öffentlichen Interesses waren die aktuellen Konflikte im Zusammenhang der Eingliederung des Stifts Münsters in den protestantischen preußischen Staat. Der Hauptprotagonist des Kirchenkampfes in der ersten Hälfte des 19.Jh.s, Clemens August von Droste zu Vischering, wertete den Fall durch eine Untersuchungskommission auf, ohne ihn direkt politisch zu nutzen.

Im politischen Konflikt wurde die "Wundergeschichte" nicht benutzt, weil es für die innerkirchliche Auseinandersetzung (Spiegel - Vischering) und die zwischen Staat (Vincke) und mystischem Katholizismus (Vischering, Familia sacra) ein Feld gab, das sich mehr dafür eignete (Kuratorium der Münsterschen Universität, Professurenbesetzungen). Die Folgen einer politischen Zuspitzung der Wundergeschichte, d. h. die Mobilisierung der preußenfeindlichen Bevölkerung, waren für Vischering nicht abzusehen. Seine Position war zu schwach um einen offenen Konflikt zu wagen. Im Falle der Emmerick wurde der Konflikt von seiten der preußischen Regierung gesucht, obwohl sie fürchten musste, dass sich am Fall der Nonne ein Kristallisationspunkt des katholisch - antipreußischen Ressentiments herausbilden könnte.

Brentano, der den Krankheitsfall über die Münstersche Region hinaus verbreitete und dauerhaft im Katholizismus etablierte, handelte vornehmlich aus persönlichen Motiven, die sich jedoch gut mit dem damaligen Zeitgeschmack und der Auseinandersetzung Preußen / Katholizismus in Einklang bringen ließen. Der kulturelle Hintergrund ist in den weitverbreiteten Konversionen in der Romantik zu finden. Allgemein wird die Konversion Brentanos als Besonderheit aufgefasst, weil er mit der Konversion eine individuelle psychische Notlage abwenden wollte. Dies war auch der Grund für seine lange Anwesenheit in Dülmen. Die Emmerickaufzeichnungen sind literarische Verarbeitung seiner persönlichen Lebenskrise.

Die Experimente Brentanos mit der "Seherin" sind Umdeutungen des gerade prosperierenden Mesmerismus, also eine Zeiterscheinung in der Spätromantik. Brentano war stark von den Mesmerschen Methoden beeinflusst. Zahlreiche Personen aus seinem Berliner Umkreis, namentlich Hoffmann, Kleist und Wolfart, ebenso sein Bruder Christian hatten ihm diese Ideen vermittelt. Die Mesmerschen Experimente deutete Brentano zu religiösen Beweisen um (Hierognosie usw.).

Brentanos Aufzeichnungen sind eine literarische Kontamination. Darin sind die Anteile der Emmerickschen Schilderungen nicht mehr herauszufiltern. Die Emmerickaufzeichnungen folgen den Werken frühneuzeitlicher Mystiker, insbesondere Martin v. Cochems. Bei den Emmerickvisionen scheint Brentano die treibende Kraft gewesen zu sein, indem er die Visionen suggerierte, lenkte oder frei erfand. Vorbild für die literarische Auswertung ist das Verfahren, das er schon bei den Volksliedern in "Des Knaben Wunderhorn" entwickelt hatte und seine Kunstmärchen.

Die Kranke strebte längerfristig die Anerkennung als Heilige an und wurde darin von ihrem engeren Bezugskreis unterstützt. Sie inszenierte ein "heiligenmäßiges" Leben nach Vorbildern, die ihr aus Schilderungen bekannt waren. Ihre Erlebniswelt war eng mit solchen Stigmatisierten verbunden. Ihre Namenspatronin Katharina v. Siena gilt als Stigmatisations- und Fastenwunder. Häufige Vorleselektüre waren Tauler, Franz v. Sales usw.. Emmerick erhielt hieraus detaillierte Unterweisungen über Heilige und Stigmatisierte in ihrer Klosterzeit.

Die psychischen Abnormitäten und die körperliche Erkrankung begannen schon vor dem Eintritt ins Kloster. Dort führten die Auffälligkeiten zu Konflikten mit den Mitschwestern und der Oberin. Die Leiden verschlimmerten sich daraufhin, innerhalb des Klosters war die Emmerick isoliert. Die Aufhebung des Klosters bedeutete eine persönliche Katastrophe, weil der Emmerick jede Perspektive für die sinnvolle Reintegration in ihr früheres soziales Umfeld fehlte. Auch die Kirche konnte ihr keinen neuen Lebensweg weisen, sie war mehr oder minder sich selbst überlassen. Ihre Situation war besonders dadurch verschärft, daß Anna Katharina Emmerick als Frau und Bauernmädchen eine unglaubliche Karriere geschafft hatte. Alle ihre Bemühungen waren durch den Verlust des kirchlichen Milieus zunichte gworden. Diese außerordentliche psychische Belastung äußerte sich in somatisierten Symptomen. Mit den Blutungen hatte sie einen Weg aus dem Dilemma gefunden, die rasche gesellschaftliche Anerkennung bestätigte sie in ihrem Weg. Ihr christliches Streben und ihr Prozeß forderten die Nachfolge Christi als Braut Christi und damit zuvörderst Sexualverzicht. Nahrungsverzicht war seit alters her eine Form der monastischen Askese, nur die absolute Nahrungslosigkeit konnte als Wunder darüber hinausgehen. Die "Stigmatisation" sprengte den monastischen Bezugsrahmen. Anna Katharina Emmerick setzte sich mit Christus gleich. Sie fühlte sich gleich Christus verwundet als Opfer der Welt (Staat) und brachte das mit ihren Wunden körperlich zum Ausdruck.

Die Stigmatisierung war eng an den religiös-kulturellen Hintergrund sowohl der Emmerick, ihres engeren persönlichen Umfeldes als auch der Kirche allgemein angepasst. Sie verstand sich persönlich als Opfer, wie ihr - und der katholischen Öffentlichkeit Westfalens - auch die Kirche als Opfer erschien.

Anna Katharina Emmerick litt unter und starb an Lungentuberkulose und agierte nach psychopathologischen Mustern: der Somatisierung und hysterischen Inszenierung. Individualpsychologisch lässt sich der Fall in den Kreis der hysterischen Erkrankungen einordnen.

Das Hauptsymptom, die Abasie/Astasie, wurde in der Wundergeschichte kaum wahrgenommen. Die andauernde Bettlägerigkeit ist Ausdruck der geschlechterspezifischen Benachteiligung. Es war ihr als Frau ohne sozial akzepierte soziale Einbindungen verwehrt, sich gesellschaftlich zu bewegen. Dies äußerte sich in der tatsächlichen Bewegungsbeeinträchtigung. Dieses Modell der Somatisierung wird im Laufe des 19. Jh.s bei Frauen vielfach anzutreffen sein. Es ist eine typische Reaktion im Rahmen der hysterischen Verarbeitung von geschlechterspezifischen Konflikten.

Die Anorexie läßt sich nur zum Teil auf die Schwindsucht zurückführen. Die Nahrungsverweigerung der Emmerick hatte einen Bezug auf religiöse Modelle. Vorbild hierfür war die Namenspatronin Katharina von Siena und verschiedene andere Fälle, die ihr in der Klosterzeit nahegebracht wurden…  Das Überleben mit einem Minimum an Nahrungsmitteln ist möglich. Die Emmerick scheint heimlich gegessen zu haben, denn aus der ersten (kirchlichen) Untersuchung mit genauer Überwachung der Nahrungszufuhr kommt sie deutlich abgemagert und geschwächt heraus.

Nach ihrer Klosterzeit (während der ihren Symptomen noch keinerlei metaphysische Bedeutung zugeschrieben wurde) gab es keine ernsthaften Heilungsbemühungen mehr. Durch den immensen primären und sekundären Krankheitsgewinn chronifizierte sich die psychische Erkrankung. Ihre Krankheitssymptome wurden mit der enormen öffentlichen Reaktion anerkannt und bestärkt. Alle ihre Symptome sind rational erklärbar. Für alle psychogenen Symptome hatte sie Vorbilder. Sie hatte Unterweisungen in die Fälle von Stigmatisation des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit (Franz v. Sales, Veronika Giuliani). Die Vorbilder ihrer pseudoepileptischen und kataleptischen Anfälle hatte sie in den Kranken, die in der "Irrenanstalt" des Klosters betreut wurden. Die Stigmata hatten einen psychosomatisch - hysterischen Hintergrund. Sie verschwanden, als die Exekution der staatlichen Untersuchung zu bedrohlich wurde.

Die Seligsprechung Anna Katharina Emmericks unterblieb, weil die römische Kommission trotz Drängens der Bischöfe von Münster und der Augustiner keine ausreichenden Anhaltspunkte für Wunder oder Wundertätigkeit sahen. Gegen die Seligsprechung standen vor allem Brentanos Aufzeichnungen. Im Zusammenhang mit dem ersten Versuch der Seligsprechung 1924 zum 100sten Todestag ist ein Hauptteil der Literatur zur historischen Emmerick zusammengetragen worden. Die historische und medizinische Deutung des Falls ist weitgehend auf diesem Forschungsstand stehen geblieben. Die mystisch beeinflusste kirchliche Propagandaliteratur nimmt die historischen und medizinisch-psychologischen Fortschritte nicht zur Kenntnis. Typisches Schrifttum sind Propagandaliteratur in Form von Flugzetteln oder verklärende Arbeiten, wie Wegeners Emmerickbuch.

Die Betreibung der Wiederaufnahme des Verfahrens um 1970 geht auf die Initiative eines einzelnen Bischofs -Heinrich Tenhumberg.- zurück. Motiv hierfür dürfte in der Erhebung des Rangs der Diözese Münster innerhalb der katholischen Kirche zu suchen sein. Der Kult um die Emmerick wird seit den 1880er Jahren gezielt gefördert. Die Bemühungen zum 200. Geburtstag der Emmerick haben bislang keine Erfolge gezeitigt. Der Rang als bedeutendste Stigmatisierte Deutschlands ist von der Emmerick auf Theresia Neumann, die "Stigmatisierte von Konnersreuth" übergegangen. Diese hatte über Brentanos Ausführungen detaillierte Kenntnisse vom Fall Emmerick. Auch im Fall Konnersreuth ist eine kirchliche Anerkennung bislang unterblieben.


copyright by Juliane D.

zurück zur Erörterung-Seite