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Vereinsamt (Friedrich Nietsche 1884):

 

Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Thor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg', Vogel, schnarr'
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck' du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n –
Weh dem, der keine Heimat hat!

 


Gedichtinterpretation:


In dem Gedicht „Vereinsamt“, welches aus der Feder von Friedrich Nietzsche stammt und im Jahre 1884, zur Zeit der Industrialisierung, verfasst wurde, kristallisiert sich als zentraler Begriff die „Heimat“ heraus. Das lyrische Ich grenzt sich von seiner Heimat ab, um in die Welt zu ziehen und findet im Laufe des Werks heraus, dass es wichtig ist, dass jeder Mensch irgendwo ein zu Hause hat.

In meiner Ausarbeitung und Interpretation werde ich versuchen das Gedicht zuerst formal und im darauf folgenden Text inhaltlich zu analysieren. Abschließend werde ich noch ein Fazit mit meiner persönlichen Meinung zu Nietzsches Werk formulieren.

Unser Gedicht besteht aus sechs Strophen mit jeweils vier Versen. Die Strophen lassen sich in eine Rahmenhandlung und eine Binnenhandlung unterteilen. Die Rahmenhandlung umfasst die erste und sechste Strophe und die Binnenhandlung die zweite bis fünfte Strophe.

Die äußere Form wird bestimmt von einem fast durchgehenden jambischen Metrum und dem Kreuzreim (a, b, a, b). Mit Hilfe dieser Merkmale und der männlichen Kadenz, gekoppelt mit dem Enjambement, entsteht eine sehr kalte und düstere Atmosphäre. Hierzu tragen auch die versetzte Zeilenfolge, die unterschiedliche Länge der Verse und die Satzzeichen, wie ein Gedankenstrich oder Ausrufezeichen, bei. All diese Stilmittel werden zu dem Zweck verwendet, das Gedicht und dessen Inhalt für den Leser abgekackt und lebensfremd darzustellen. Es soll kein durchgängiges, leicht zu lesendes Gedicht sein, sondern es soll eine Atmosphäre von absoluter Kälte und Wehmut vermitteln.

Im ganzen Gedicht spricht unser Dichter von „du“. Er spricht damit sich selbst an und erzählt uns seine Lebensgeschichte. Also ist Friedrich Nietzsche unser Protagonist und Heimatloser.

Die erste und letzte Strophe sind bis auf den letzten Vers identisch. Im ersten Teil spricht Herr Nietzsche von „Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!“, wohingegen er in der letzten Strophe den Befehl „Weh dem, der keine Heimat hat!“ ausspricht. Dies wird als Rahmenhandlung bezeichnet, weil er am Anfang eine Art von „Einleitung“ in seinen Gedankengang, der Binnenhandlung, der Strophen zwei bis fünf, gibt und diese Handlung durch die letzte Strophe abgeschlossen wird. Mit dem letzten Vers möchte der Protagonist eine Warnung an alle Menschen geben, dass sie es ihm nicht gleich tun und sich entwurzeln sollte denn er ist gescheitert. In der ersten Strophe zieht Friedrich Nietzsche in die Welt, um diese zu entdecken und Erfahrungen und Eindrücke zu sammeln, doch schon hier sagt er „der jetzt noch Heimat hat“. Ein weiteres Merkmal, welches das Gedicht düster und ein wenig erschreckend erscheinen lassen sind die „Krähen“. Sie erzeugen ein schlechtes Omen und verleihen dem ganzen Werk schon am Anfang eine ungewöhnliche Ablehnung gegenüber dem nun Kommenden.

In der zweiten Strophe beginnt die Binnenhandlung. Er verharrt in Gedanken und „steht starr“. Der Protagonist kann nicht mehr zurückgehen und blickt in die Vergangenheit („schaut rückwärts“, Vers sechs) und betrachtet alles aus der Ferne. Mit der Interjektion „ach“ im sechsten Vers äußert er Kritik an seiner jetzigen Situation und stellt fest, dass er nichts mehr daran ändern kann. Er fühlt sich verloren und weiß nicht, was er tun soll, was durch den Vers acht „vor Winters in die Welt entflohn?“ noch verstärkt wird. Der Dichter fragt sich, warum er in die Welt zog, doch er kommt hier zu keinem Ergebnis.

Die dritte Strophe befasst sich mit dem neuen Lebensraum, den „Wüsten“. Die Wüsten sind Großstädte, wo tausende von Menschen leben. Keiner kennt jemanden, außer sich selbst, und er fühlt sich verloren in dieser großen weiten Welt („Die Welt – ein Tor“, Vers neun). Friedrich Nietzsche hat keine Freunde oder Bekannte, denen er sich anvertrauen könnte und deshalb wirkt es „stumm“ und „kalt“.

Die vierte Strophe zeigt mit dem Adjektiv „bleich“, dass unser Dichter Angst vor der Stadt und der damit verbundenen Einsamkeit hat. Der Vers 14 beschreibt die „Winter - Wanderschaft“ und dieser Neologismus stellt wiederum die Stadt als eine kalte, leblose Landschaft dar und der Protagonist denkt, dass er dazu „verflucht“ (Vers 14) wurde in dieser Großstadt zu leben und für seine „Flucht“ in die Welt bestraft werden zu müssen. Er kann nicht mehr zurück und sucht nach etwas, wo er seiner Heimat nahe sein kann („Dem Rauche gleich, der stets nach kältern Himmeln sucht“, Vers 15/16). „Dem Rauche gleich“ bedeutet für Nietzsche, dass er nur nach vorne kann, so wie der Rauch nur nach oben und dass er in irgendeine Richtung geweht wird, obwohl er gar nicht weiß, wohin es dort geht. Er sucht überall nach seiner Heimat, doch er findet sie nicht.

Die fünfte und vorletzte Strophe lässt auf ein Ergebnis seiner Überlegungen hoffen, doch mit dem erneuten Gebrauch des Neologismus in Form des „Wüstenvogel - Tons“ verdeutlicht er seine Sehnsucht nach der einen, wirklich echten Heimat. Doch alle anderen betrachten seine Suche als gescheitert an („Versteck du Narr, dein blutend Herz in Eis und Hohn“, Vers 19/20).

Aber am Ende kommt unser Protagonist zu dem Schluss, dass nur eine Heimat existiert und zwar die, die er vor langer Zeit verlassen und nie wirklich wiedergefunden hat.

Als Fazit ist für mich festzuhalten, dass Friedrich Nietzsche mit seinem Gedicht „Vereinsamt“ die Suche nach der Heimat auf den Punkt gebracht hat. Es ist wichtig eine Heimat zu haben und zwar dort, wo man sein halbes Leben verbracht hat und aufgewachsen ist. Er ist viel in seinem Leben gereist und am Ende kam er doch wieder in „seine“ Heimat zurück, um dort in Frieden sterben zu können. Dieses Gedicht soll, denke ich, wie er auch schon in der letzten Strophe beschrieb, eine Warnung an die nachfolgenden Generationen sein, dass Reisen zwar viel Freude machen kann und auch sehr aufregend ist, doch man sollte vor lauter Reisen und Fernsucht seine Heimat nie vergessen, denn sie ist der Grundstock, das „Elternhaus“ unseres Lebens.

copyright by Anna B.

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