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Nebelland:

Ingeborg Bachmann

Im Winter ist meine Geliebte
unter den Tieren des Waldes.
Dass ich vor Morgen zurückmuss,
weiß die Füchsin und lacht.
Wie die Wolken erzittern! Und mir
auf den Schneekragen fällt
eine Lage von brüchigem Eis.

Im Winter ist meine Geliebte
ein Baum unter Bäumen und lädt
die glückverlassenen Krähen
ein in ihr schönes Geäst. Sie weiß,
dass der Wind, wenn es dämmert,
ihr starres, mit Reif besetztes
Abendkleid hebt und mich heimjagt.

Im Winter ist meine Geliebte
unter den Fischen und stumm.
Hörig den Wassern, die der Strich
ihrer Flossen von innen bewegt,
steh ich am Ufer und seh,
bis mich Schollen vertreiben,
wie sie taucht und sich wendet.

Und wieder vom Jagdruf des Vogels
getroffen, der seine Schwingen
über mir steift, stürz ich
auf offenem Feld: sie entfiedert
die Hühner und wirft mir ein weißes
Schlüsselbein zu. Ich nehm’s um den Hals
und geh fort durch den bitteren Flaum.

Treulos ist meine Geliebte,
ich weiß, sie schwebt manchmal
auf hohen Schuh’n nach der Stadt,
sie küsst in den Bars mit der Strohhalm
die Gläser tief auf den Mund,
und es kommen ihr Worte für alle.
Doch diese Sprache verstehe ich nicht.

Nebelland hab ich gesehen,
Nebelherz hab ich gegessen.


Ingeborg Bachmann wollte vielleicht eben dies in ihrem Gedicht ausdrücken: Die mangelnden zwischenmenschlichen Empfindungen und emotionalen Beziehungen.

Ich denke nicht nur, dass es auch heute noch - über vierzig Jahre nach Veröffentlichung des Gedichts - genug Menschen gibt, die taub sind für die Probleme und Gefühle anderer. Ich glaube sogar, dass dieser Trend noch zugenommen hat. Bedingt durch sogenannte Groschenromane, Seifenopern und anderen kommerziellen Veröffentlichungen, ist das Gefühl von Liebe längst so versiegt, dass es Menschen heute schon peinlich ist, Liebe offen zu zeigen. Die Sehnsucht nach Geborgenheit wird als Schwäche interpretiert und das Vertrauen schamlos ausgenutzt. Liebe und Herzschmerz sind zu einem kommerziellen Bestandteil der Unterhaltungsindustrie verkommen. Die Liebe ist nicht mehr aufregend und geheimnisvoll, weil sie - breitgetreten von den Medien - ihren Flair und ihre Besonderheit verloren hat. Es ist, was jeder weiß, was jeder tut und worüber jeder spricht, doch bleibt der Kern - das Gefühl - irgendwann zwischen Oberflächlichkeit und Keine-Zeit-haben einfach auf der Strecke. Vielleicht sollten wir überlegen, ob es Geld, Macht, Fortschritt und Modernisierung wert sind, das elemtarste Gefühl - die Liebe - so oberflächlich zu behandeln, dass es früher oder später im Nebelland verloren geht.

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