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Michael Kohlhaas - Heinrich von Kleist:


 

Heinrich von Kleist erzählt die auf einer alten Chronik basierende Geschichte der historischen Figur Hans Kohlhaase, dem zwei Pferde zugrunde gerichtet wurden und der gegen die Obrigkeit rebellierte, als das ihm widerfahrene Unrecht ungesühnt blieb.

Das Grundthema in der Novelle ist die Frage, ob der Einzelne das Recht hat sich zu wehren, wenn ihm vom Staat Unrecht zugefügt wird.

 

Interpretationsmöglichkeiten:

-          Der Rechtsbegriff des Michael Kohlhaas:

Der Erzähler äußert sich widersprüchlich Über Kohlhaas’ Rechtsgefühl, wir erfahren dass es zwar „einer Goldwaage glich“, doch man liest auch dass „das Rechtsgefühl ihn zum Räuber und Mörder machte“.

Am Beginn wird uns der Pferdehändler als Muster eines guten Staatsbürgers vorgestellt, der als aufrichtiger und frommer Geschäftsmann vollstes Vertrauen in die landesherrliche Justiz hat. Der Erzähler lässt auch keine Zweifel daran, dass Kohlhaas’ Anliegen auf Wiederauffütterung seiner Pferde legitim ist: „Die Rechtssache ist in der Tat klar. Der Umstand, dass die Pferde gesetzwidriger Weise festgehalten worden waren, warf ein entscheidendes Licht auf alles Übrige“. In seiner Geduld und Rechtschaffenheit unternimmt er auch noch nichts, als er nach seiner Rückkehr auf die Tronkenburg die Pferde in einem schlimmen Zustand vorfindet. Er befragt zuerst seinen Knecht was denn passiert sei.

Erst als alle legalen Bemühungen des Pferdehändlers an den korrupten Landesherren, auf die der Junker von Tronka durch familiäre Bindungen Einfluss hatte, scheitern und seine Frau, beim Versuch sein Anliegen am Fürstenhof vorzubringen, stirbt, kommt es zur Entscheidenden Wende in Kohlhaas’ Verhalten. Er greift zur Selbsthilfe und versucht sein Recht mit Gewalt und Terror zu erreichen. Das Recht auf Selbstjustiz rechtfertigt er mit dem Ausschluss aus dem Staatsvertrag, laut dem die Rechte des Bürgers geschützt werden müssten.

„Verstoßen, antwortete Kohlhaas […] nenne ich den, dem der Schutz der Gesetze versagt ist! Denn dieses Schutzes, zum Gedeihen meines friedlichen Gewerbes, bedarf ich; […] und wer ihn mir versagt, der stößt mich zu den Wilden der Einöde hinaus; er gibt mir […] die Keule, die mich selbst schützt, in die Hand.“

Sein Krieg gilt zunächst nur dem Junker Wenzel, als Sachsen diesem Unterschlupf gewährt, bekämpft er auch das Fürstentum. Er sieht die Auseinandersetzung als gerechten Krieg an. Die gewährte Amnestie nimmt Kohlhaas an und hofft darauf, endlich zu seinem Recht zu kommen, das ihm aber wieder verwährt wird, da der sächsische Kurfürst sein Wort bricht und Kohlhaas gefangen nehmen lässt. Dessen Wille ist nun gebrochen und er sinnt Rache. Es geht ihm nicht mehr um sein Leben, das er durch die Prophezeiung in der Kapsel retten könnte, die der Fürst um jeden Preis will, sondern um das Recht und seine Rache.

Seine Strafe, die er für die Art seiner Rechtssuche erdulden muss, nimmt er als gerecht und ohne Widerstand hin. Am Tag seiner Hinrichtung ist für Kohlhaas die Welt wieder in Ordnung und sein höchster Wunsch auf Erden erfüllt, denn seiner Klage wurde schließlich stattgegeben.

Michael Kohlhaas’ Rechsauffassung wird also bejaht. Bestraft wird er lediglich wegen seiner verwendeten Mittel der Rechtsfindung.

 

-          „Michael Kohlhaas“ als Beitrag zur rechtsphilosophischen Diskussion um 1800

Man könnte das Werk auch als literarische Versuchsanordnung deuten, mit der Jurist Kleist zwei rechtsphilosophische Positionen seiner Zeit gegenüberstellen möchte.

Er bewegt sich zwischen positivem Recht (Umgangsrecht und Rechtsquellen) und Naturrecht (dem Menschen von der Natur gegebene Rechte wie Freiheit, Gleichheit und Unverletzlichkeit von Person und Eigentum), da Kohlhaas einerseits das Todesurteil akzeptiert und sich dem Willen des Fürsten beugt, andererseits gibt er den Widerstand nicht  ganz auf und übt mit der verschluckten Prophezeiung Rache am ungerechten Fürsten. „Wer mir sein Wort einmal gebrochen, mit dem wechsle ich keins mehr.“

-          Aufruf zum Widerstand gegen Napoleon und Umgehung der Pressezensur

Der Patriot Kleist sah es als seine Aufgabe, während Napoleons Regiments im deutschen Reich durch seine rebellischen Werke aus den Untertanen Bürger zu machen und den Willen zum Widerstand zu stärken. Die Pressezensur in der Zeit machte es nötig, den Aufruf in Form von Novellen und anderen literarischen Werken zu tarnen. Er wollte meinungsbildend auf die Leser einwirken und ein großes Publikum erreichen.

Literarische Gattung

Die Erzählung ist nicht eindeutig zuzuordnen, wird aber als Novelle bezeichnet, weil sie

-          ein ungewöhnliches und außerordentliches Ereignis schildert (vom Mustermann zum Rebell)

-          einen geradlinigen Aufbau hat und alles auf die Affäre Kohlhaas ausgerichtet ist

-          sie nur einen entscheidenden Ausschnitt aus dem Leben des Rosshändlers schildert

-          durch viele Dialoge und dynamische Sprache dem Drama ähnelt

-          durch eine symbolhafte Sprache gekennzeichnet ist (Pferde, Kapsel)

Literaturgeschichtliche Zuordnung

Das Werk schlägt mehr in die romantische Gattung (historischer Stoff der deutschen Vergangenheit, märchenhaftes -> Zigeunerin, Symbole, eingefügte Briefe, Gespräche, Bibelstellen, Rückblenden) als in die übrigen, wobei aber das Selbsthelfermotiv Kohlhaas’ und die außerordentliche Persönlichkeit des Rosshändlers auf eine Verwandtschaft mit der vorangegangenen Epoche des Sturm und Drangs verweißen. (Kohlhaas in der Rolle des Räubers und Rebellen erinnert an Schillers „Die Räuber“)

Milieu – Personen

Die Novelle spielt in der Mitte des 16. Jahrhundert, also in der Zeit der Reformation, in den Fürstentümern Brandenburg und Sachsen.

Es sind sowohl historische Persönlichkeiten (Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg, Luther, Kohlhaas) als auch von Kleist erfundene (fiktive) Figuren. Das Verhältnis der Personen untereinander wird von verschiedenen Faktoren bestimmt (Familie, Freundschaft, Abhängigkeit). Es sind alle Stände vertreten: Adel (Kurfürsten, Tronkas), Klerus (Luther), Bürger (Kohlhaas und Familie) und Standeslose (Knechte, Zigeunerin, Räuber).

Erzähler

Ein auktorialer Erzähler beherrscht das Geschehen und zeigt durch Rückblenden die Hintergründe auf, die nötig sind, um etwa das Verhältnis zwischen Kohlhaas, der Zigeunerin und dem Kurfürsten von Sachsen zu verstehen (Kapsel mit Prophezeiung). Er gibt auch Kommentare zum Verhalten von Kohlhaas ab und kann kritisieren oder sich solidarisieren.

Sprache und Stil

Das Werk ist gekennzeichnet durch

-          Hypotaktischen Satzbau (Spezialität Kleists): Durch verschachtelte Satzgefüge mit vielen Nebensätzen drängen sich die Ereignisse in einem Satz zusammen und scheinen gleichzeitig zu geschehen.

-          Häufigkeit der direkten Rede und häufige Verbindung von direkter und indirekter Rede

-          Berichtform: Genaue Angaben von Ort, Zeit und Namen

-          Chronikstil: Durch alte Rechtsbegriffe, Wörter und Redewendungen erkennt man, dass die Erzählung auf einer alten Chronik basiert, was von Kleist beabsichtigt ist (Rosskamm= Pferdehändler, Burgvogt = Verwalter der Burg, Junker = junger Adeliger…)

Symbole

Die beiden Pferde, wegen derer der ganze Aufstand von Kohlhaas begann, haben eine leitmotivische Funktion und ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Erzählung. Der Zustand der beiden Rappen (Pferde) spiegelt den Zustand von Kohlhaas wider oder sein Rechtsgefühl. Ist der Rosskamm gut auf, sind die Rappen wunderschön und stark. Sind die Rappen elend anzusehen, geht es Kohlhaas schlecht und sein Rechtsgefühl verlangt nach Sühnung. Als der Pferdehändler gefangen genommen wird (Marktplatzszene in Dresden), sind die Pferde kurz vor dem Hungertod und als Kohlhaas bei seiner Hinrichtung endlich zu seinem Recht kommt und zufrieden ist, sind die Rappen so stark und schön wie zu Beginn.

Die Kapsel, die Kohlhaas von einer Zigeunerin erhalten hat und die eine Prophezeiung beinhaltet, die für den Kurfürsten von Sachsen sehr wichtig ist, verleiht dem Rebellen Macht über den ungerechten Herrscher, doch Kohlhaas geht es gar nicht darum, mit der Kapsel sein Leben zu retten, sondern sich damit am wortbrüchigen Herrscher zu rächen. Die Kapsel ist kennzeichnend für das Verhältnis der beiden und immer präsent wenn die beiden sich treffen.

Der Name Michael ist nicht zufällig gewählt und bedeutet auf Hebräisch „wer ist wie Gott“ (er stellt sich über das Gesetz und nimmt es selbst in die Hand)


 copyright by Michael Tschöll

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