Georg Trakl
Am Abend tönen die
herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düster hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch Stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldenem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme der Geistes
nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungeborenen Enkel.
Georg Trakl 1914
Grodek ist eines der bekanntesten Gedichte Trakls, er schrieb es während der Schlacht von Grodek in Galizien.
Welche realen Bilder des Krieges können sie erkennen?
Am Abend ist eine Schlacht. Viele Sterbende und Tode, Heldengeist. Eine ganze Generation wurde ausgelöscht.
Welche Bilder sind Trakls "Traumwelt" zuzuorden?
Inzest zur Schwester, Schuldgefühle. Schwester ist fast der einzige Mensch in seinem Leben. Die Sehnsucht nach dem Weiblichen. Die Schwester ist das Gegenbild der Gewalt.
Welche Stimmung erzeugen die Farben?
Gold: Idylle und Todeskampf. rotes Gewölk: ist real Nebel, Zorn, vergossenes Blut, Blutlachen.
Welche Wirkung haben die Stellen?
Interpretation
"Grodek" ist ein
Gedicht im Kontext des 1. Weltkrieges, eines von vielen
expressionistischen Kriegsgedichten.
Die ersten neun Verse beschreiben Kriegseindrücke: den Lärm,
das Angesicht der Toten, den Kontrast zwischen dem Geschehnis und
der Naturlandschaft in der sich das Ganze ereignet. Selbst die
Sonne, sonst positivst besetzt, wirkt bedrohlich: das Oxymoron (Rhet.
Zusammenstellung zweier sich widersprechender Begriffe als rhet.
Figur, z.B. »bittersüß«) der "düsteren Sonne" (V.
3) wirkt um so eindrucksvoller, als ein Enjambement (Verslehre
Übergreifen eines Satzes auf den nächsten Vers) die
Rollbewegung der Sonne unterstützt mit der sie alles
niederwalzt. Der 10. Vers bildet eine Art Mittelachse und gibt
die Hauptthese wieder: es gibt keinen Ausweg aus dem Untergang,
"Alle Straßen münden in schwarzer Verwesung."
Die Verse 11-13 bringen neue
Elemente: Vom sehr realen Kriegseindruck hin zum geisterhaften.
Selbst der Bezug zu den Verwandten in der Heimat, der Schwester
in Vers 12, wird durch relativiert: es ist nur ihr
"Schatten" - und der grüßt die "Helden".
Der Begriff wird umrahmt durch gleichgesetzte "Geister"
und die "blutenden Häupter" - somit wird das Wort
"Held" eher ironisch-makaber aufgefasst. Entgegen dem
tönenden Beginn des Gedichts endet es in den letzten vier Versen
in der unheimlichen Stille: Wie aus der Perspektive der
Sterbenden wird der Kriegslärm nicht mehr voll wahrgenommen,
sondern nur als leises, dumpfe Hintergrundgeräusch irgendwo
"im Rohr" (V. 14) wahrgenommen. Verzweiflung (die
Emphase (Nachdruck [im Reden]) "O" in V. 15,
das Ausrufezeichen mitten im Satz) und Hoffnungslosigkeit lassen
sogar die ferne Zukunft düster erscheinen. Die "ungebornen
Enkel" (V. 17) als Vertreter der kommenden (oder auch nicht
mehr kommenden) Generationen beenden das Gedicht. Doch damit
endet nicht nur das Gedicht - es endet auch das dichterische Werk
des Autors. Und kurze Zeit darauf endet auch sein Leben.