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Das
Gemeindekind von Marie von Ebner-Eschenbach:
Zeit und
Ort:
Das Werk spielt im Jahre 1860 und im darauffolgenden Jahrzehnt in
einem kleinen Dorf.
Inhalt:
Es wird das Schicksal zweier Kinder erzählt, deren Vater wegen
Mordes gehenkt worden ist und deren Mutter unschuldig eine
zehnjährige Haft im Zuchthaus verbüßen muss. Während das
hübsche Mädchen Milada das Mitleid einer Gutsbesitzerin erregt
und auf deren Kosten in einer städtischen Klosterschule erzogen
wird, fällt ihr Bruder Pavel der Gemeinde des mährischen Dorfes
zur Last, die nur widerwillig ihrer Pflicht nachkommt. Er kommt
zur Familie des Hirten Virgil, dessen Frau als Hexe verschrien
ist und die ganze Familie zu den verachtetsten Menschen im Dorf
zählt. So kommt es, dass Pavel stolz auf seinen schlechten Ruf
und seine Diebstähle ist. Sein Hass und Trotz gegenüber den
Leuten im Dorf, erzeugt durch Hunger, Prügel und Beschimpfungen
wächst von Tag zu Tag. Nur der hübschen Tochter des Hirten,
Vinska, fühlt er sich ergeben, obwohl er fühlt, dass sie ihn
nur ausnutzt und verspottet, da sie eigentlich Peter, den Sohn
des Bürgermeisters, heiraten will. Als der Bürgermeister, der
gegen diese Heirat ist, stirbt, ist Pavel als Giftmischer
verschrien, da er dem Bürgermeister heimlich ein
schmerzstillendes Mittel von der Frau des Hirten überbringen
musste. Dieser Schimpfname und die Verachtung durch die Bewohner
des Dorfes bleiben ihm, obwohl sich später seine Unschuld
erweist. Nach jahrelanger Trennung darf Pavel seine Schwester im
Kloster besuchen. Milada ist voll Entsetzen über Pavels
Einstellung und redet auf ihn ein, ein braver Mensch zu werden.
Pavel ist daraufhin der festen Überzeugung seinen Ruf verbessern
zu wollen. Er versucht sich in der Gemeinde nützlich zu machen,
weicht allen Prügeleien aus und bezwingt seinen Menschenhass,
obwohl er auch weiterhin beschimpft und verspottet wird, geht zur
Schule und findet im Lehrer Habrecht seine einzige Bezugs- und
Vertrauensperson. Unbeirrbare Rechtschaffenheit, die einmal auch
die Achtung seiner Mitmenschen finden wird, ist der Sinn seines
Lebens geworden. Trotzdem zeigt die Dorfjugend, vor allem Peter,
dem er sogar das Leben bei einem Unfall mit einem Lokomobil
gerettet hat, keine Einsicht. Sie zerstören, was er sich
mühevoll aufgebaut hat und Pavel muss sich sehr beherrschen, es
ihnen nicht wieder mit Prügeln zu vergelten. Erst nach einer
ungerechten Geldforderung des Gemeinderates kommt es zu einer
Prügelei im Wirtshaus. Pavel behauptet sich zwar, aber die neuen
Umstände machen ihn einsam, da der Lehrer in eine andere Stadt
versetzt worden ist. Bald folgt ein neuer Schicksalsschlag.
Milada stirbt, völlig geschwächt von durch Buß- und
Fastenübungen. Als Pavel von der Beerdigung zurückkehrt, findet
er seine Mutter vor. Sie will eigentlich nur nach ihren Kindern
sehen und gesteht Pavel, dass sie unschuldig war. Um ihn vor dem
schlechten Gerede der Leute zu verschonen, will sie nicht bei ihm
bleiben, sondern im Krankenhaus des Gefängnisses arbeiten.
Pavels Charakter hat sich nun gefestigt und er hat seinen Platz
im Dorfe und im Leben gefunden, an der Seite seiner Mutter, die
er nach der Verbüßung ihrer Zuchthausstrafe trotz aller bösen
Nachrede bei sich aufnimmt.
Die
Bedeutung der Erziehung im Gemeindekind:
Im Gemeindekind zeigt die
Autorin wie bedeutend die Erziehung in der Entwicklung eines
Menschen ist. Pavel und Milada haben bei ihren Eltern keine
glückliche Kindheit genossen. Von Anfang an sind sie zur
schweren Arbeit herangezogen worden, sind von ihrem Vater
verprügelt worden und haben auch keine religiöse Erziehung
genossen. Trotzdem kann sich Milada eine gewisse Freude am Leben
bewahren. Pavel hingegen bleibt ein wortkarger, phlegmatischer
Junge, den nur sein Lebenserhaltungstrieb weiter leben lässt.
Nachdem die Geschwister getrennt worden sind, widerfährt ihnen
ein sehr unterschiedliches Schicksal. Milada wird in ein Kloster
geschickt, um dort zu einer Nonne erzogen zu werden. Milada
unterwirft sich gern den Regeln der Nonnen, sie ist das bravste
Mädchen im Kloster und verbringt den Tag damit, Buße zu tun
für die Schandtat ihrer Eltern. Pavel hingegen wird der Gemeinde
überlassen und lebt bei einer Hirtenfamilie. Bei ihnen wird
Pavel nicht als gleichwertiges Familienmitglied angesehen,
sondern eigentlich nur für die Arbeit eingesetzt. Sogar der
Schulbesuch wird ihm verwehrt. Pavels Eltern haben bei der
Erziehung ihres Sohnes schon versagt und die Hirtenfamilie
scheint ihm auch nicht die Aufmerksamkeit entgegen bringen zu
wollen, die Pavel gebraucht hätte. Doch Pavel stört dies alles
nicht, er genießt seine Rolle als Dieb, Prügelknabe und
Sündenbock für alles. Eine Veränderung in seinem Verhalten
scheint sich erst anzubahnen, als er seine Schwerster, die einen
großen Einfluss auf ihn hat, wiedersieht und im Lehrer Habrecht
findet Pavel erstmals eine Vertrauensperson, die einen Elternteil
für ihn ersetzt. Habrecht ist die einzige Person außer Milada,
die genug Einfluss auf Pavel hat, um ihm seine Vorstellungen und
Werte zu vermitteln. An dieser Stelle merkt der Leser, dass sich
ein junger, von seiner Umwelt schon aufgegebener Mensch noch
ändern kann, wenn sich ein anderer Mensch findet, der ihm genug
Aufmerksamkeit entgegenbringt. Habrecht hilft Pavel bei dem
Versuch, sich in die ihn abweisende Gesellschaft einzugliedern.
Vor Habrecht hat Pavel Respekt und er nimmt dessen Rat, auf
seinen Ruf zu achten, an. Durch die verspäteten aber doch
wirksamen erzieherischen Maßnahmen des Lehrers hat es Pavel
geschafft, sich in die Gemeinschaft des Dorfes einzugliedern.
Pavel, den alle Welt für einen geborenen Kriminellen gehalten
hat, weil er nach seiner Herkunft gar nichts anderes haben sein
können, und der auch in seiner früheren Verbitterung immer neue
Belege für dieses Vorurteil gegeben zu haben scheint, ist zu
einem ordentlichen, sittlich hochstehender Mensch geworden.
Interpretation:
Eschenbach leuchtet in ihrem Roman die Situation der ländlichen Unterschicht aus. Aus deren Sicht kann der Sohn eines Mörders auch nur ein schlechter Mensch sein.
Mit der Geschichte des Pavel macht sie deutlich wie schwer es ist, Vorurteile abzuschütteln.