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Fadensonnen:

Paul Celan
über der grauschwarzen Ödnis. 
Ein baum- 
hoher Gedanke 
greift sich den Lichtton: es sind 
noch Lieder zu singen jenseits 
der Menschen. 


Es geht um Sonne, Sonnen sogar.

Licht, Energie, Wuchs und Leben scheinen gemeint zu sein. Sie wärmt, sie erhellt, wenn auch nur vermittels eines Fadens oder mehrerer Fäden, den oder die sie durch aufreißende schwarze Wolken zu senden vermag. Ein Faden, der vielleicht als Strahlenbündel von kleinstem Lumen mehrere Sonnenfasern vereint, hätte Kraft aufzuweisen. Ein fest gesponnener Faden kann tragendes Teil eines Netzes, oder dichter: eines Gewebes sein. Er verbindet nicht nur, er bindet auch an, vereint.
Der hier nur durch aufgewirbelten also belebten Staub sichtbar werdende Faden, treibt einer Ödnis die Schwärze aus. Sie gibt der Allmacht der Sonne nach und weicht einem weicheren Grau. Noch hält sich das Dunkel hartnäckig, der oder die Fäden sind möglicherweise noch neu und schwach; das transportierte, die Dunkelheit antagonisierende Licht, bereitet sich seinen Weg durch enge Durchlässe zwerchfellartiger Wolken.

Das Licht, das Ton ist, wird berührt. Wieder steht die Aktion im Mittelpunkt. Aktiv wird ein Ton begriffen, ein Lichtfaden ergriffen. Die Dynamik des Vorgangs wird weiter untermauert durch baumhafte Größe.

In der dritten Zeile des Gedichts ist von einem Baum die Rede. Er ist zwar klein geschrieben, der Baum, er entsteht aus dem deklinierten Adjektiv ,,baumhoher", durch Abtrennung mit Zeilenumbruch des Wortteils -,,hoher", was als Indiz für eine Schwächung des Naturells, der Stärke des Baumes gesehen werden könnte. Möglicherweise aber, sieht man ihn ob der dämmrigen Atmosphäre nur nicht genau. Weil er durch seine sachliche Aussagekraft eine gesamte Zeile des kurzen Gedichts beherrscht und sie schlicht ausfüllt, könnte man geneigt sein, darauf zu schließen, dass er von Bedeutung ist: der ,,baum-" kann doch ein ganzer Baum sein, mit allen baumesgleichen Attributen. So kann er beispielsweise allein stehen, auch in einer ansonsten kompletten ,,Ödnis", in der er Überlebender ist, womöglich ohne, dass jemand ihn je noch sehen wollte.

Ein von einem Individuum gedachter Gedanke hat riesenhafte Kraft. Er ist im Stande, den hellen Ton sinnlich wahrzunehmen, der - parallel zum gerade erst sichtbar werdenden Licht - wahrscheinlich noch kaum hörbar ist. Das Individuum bewundert das Naturschauspiel vor Ort, oder es besitzt starke Einbildungskraft, sendet also seinen Gedanken an diesen Ort, der vielleicht real existiert - hat. Vielleicht aber existiert er auch nur in der Phantasie, es käme auf eins. Ob er gar physisch baumhoch reichte, oder von hohem - also gutem - Willen beseelt wäre, ist nicht nachprüfbar, beides ist vorstellbar:
Der aktiv greifende Gedanke selbst in ,,baumhoher" Gestalt, oder der passive, gelenkte Gedanke, durch den zugegriffen wird.

Der Lichtton eben, auf den in unterschiedlicher Weise zugegriffen werden mag, ist es scheinbar, der auf ein Ende aller Bestrebungen verweist. Ist er ein Mittel zum Zweck, ist er Schlüssel zum endgültigen Ziel; nur durch ihn kann ergriffen, gesehen und verstanden werden, was erreichbar ist, was noch nicht getan ist. Der folgende Doppelpunkt verdeutlicht mit der ihm eigenen Emphase, dass das Nachfolgende volle Gültigkeit hat und so für sich selbst spricht.

Wieder einen Vers als möglich abschließendes Ganzes wertend, endet dieser fünfte mit dem - so besehen - intransitiv gebrauchten Verb sein, 
in seiner konjugierten Form ,,es sind", was ihm existenziellen Aussagecharakter verleiht. Wer oder was ist? 

Dieser nach dem im Nominativ stehenden Subjekt suchenden Frage wird mit den letzten beiden Versen Rechnung getragen. Die Lieder sind es. Die jenseits der Menschen noch zu singenden Lieder sind. Können welche gesungen werden, ist es also noch denkbar, im zeitlichen und räumlichen Jenseits jener zu singen, nach allem, was Menschen getan haben? Oder gibt es schlicht noch ausreichend (unendlich) viele, so dass in Ruhe gesungen werden kann?
Wie es auch sein wird, freilich liegt es Liedern in der Natur, zum Beisammensein oder Mitsingen zu ermuntern. Den Singenden geht es tatsächlich gut, oder sie machen sich Mut.

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